Die Macht des überzeugenden Auftritts

Die Macht des überzeugenden Auftritts

In meinem Beruf darf ich immer wieder miterleben, wie Menschen Vorträge halten, im Unterricht Wissen vermitteln möchten, Seminare geben oder selbst als Teilnehmer*innen solchen beiwohnen.
Eines haben in der Regel alle Veranstaltungen gemeinsam: Trainer*innen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Wissensdurst der Anwesenden zu stillen. So scheint es zumindest meist auf den ersten Blick.

Ein überzeugender Auftritt ist hierbei die halbe Miete – getreu der Überschrift des Artikels. Wenn Du einen souveränen Stand mitbringst, aufrichtig Blickkontakt hältst und in einem kompetenten Stimmmuster sprichst, hast Du, behaupte ich, den Großteil Deines Publikums schon einmal auf Deiner Seite. In den meisten Fällen referierst Du über ein Thema, welches Dir vertraut ist und präsentierst Deine Inhalte selbstbewusst. Teilnehmende sehen ein Stück weit zu Dir auf und profitieren von Deinen Ausführungen, denen sie im Regelfall Glauben schenken. Als Trainer*in befindest Du Dich an dieser Stelle im sogenannten Hochstatus.

Hochstatus vs. Tiefstatus

Wo es einen Hochstatus gibt, ist in logischer Konsequenz auch ein Tiefstatus vorhanden. Ihren Ursprung hat die Status-Theorie im Improvisationstheater. Keith Johnstone bemerkte in seiner Zeit als Regisseur, dass Verhältnisse zwischen den einzelnen Rollen nur dann für die Zuschauer*innen wirklich erkennbar waren, wenn die jeweiligen Rollen den entsprechenden Status einnahmen und sich gegenseitig bedingten. So kann ein König nur als solcher im Hochstatus glänzen, wenn ihm der Tiefstatus in Form des schmutz-behafteten Bettlers gegenübersteht.

In seiner Theorie übertrug Johnstone dieses Bild auf Szenarien auf der Bühne wie auch auf Interaktionen im realen Leben. Seiner Ansicht nach ist jegliches Miteinander von Dominanz und Unterwerfung geprägt.

Was zunächst brachial klingt, findet in der heutigen Zeit häufig subtil und in Kleinigkeiten statt. Jedes Mal, wenn Du auf fremde Menschen triffst, werden die Karten neu gemischt. Erste Blicke, die Art, wie Du redest und körpersprachlich auftrittst, entscheidet sehr schnell darüber, welchen Status Du bereit bist einzunehmen.

Mit dem Hochstatus geht auch eine gewisse Macht einher und wenn ich eines gelernt habe in den vergangenen Jahren, dann dass es diesbezüglich zwei Sorten von Trainer*innen gibt:

Zwei Sorten von Trainer*innen

Da sind die einen, …

… Die um ihren Status wissen und selbigen für die Weiterentwicklung der Gruppe nutzen. Diese Trainer*innen vermitteln Inhalte, indem sie sie greifbar und für ihr Publikum verständlich machen. Wenn sie reden, dann um mit Menschen in Verbindung zu treten. Es geht darum, individuelle Wahrheiten zu kreieren und neue Möglichkeiten zu eröffnen. Solche Trainer*innen offerieren den Weg zwar, lassen ihren Coachees aber genügend Raum, selbst den Pfad zu beschreiten und sind dennoch stets zur Seite, sollte die zurate gezogene Landkarte mal wieder auf dem Kopf stehen.

Trainer*innen wie diese sind sich im Klaren darüber, dass sie Begleiter*innen sind. Sie nutzen ihre Bühne, um die Sache ins Scheinwerferlicht zu stellen, Zuschauer*innen zu Hauptakteur*innen zu machen und final (mit) dem gesamten Ensemble zu applaudieren.

Jetzt sind da noch die anderen …

… Trainer*innen. Jene, die um ihren Status wissen und selbigen für ihr Standing vor der Gruppe ausspielen. Diese Trainer*innen vermitteln Inhalte, indem sie (eigene) Regelwerke aufstellen und ihr Erleben als grundlegend verkaufen. Wenn sie reden, dann um sich selbst darzustellen. Es geht darum, eigene Wahrheiten zu übermitteln und Richtungen vorzugeben. Solche Trainer*innen offerieren den Weg zwar, lassen ihren Coachees aber keinen Raum, ihren Blick nach links oder rechts schweifen zu lassen und gehen schnellen Schrittes voran, um mit mahnendem Zeigefinger auf das Ziel hinzuweisen.

Trainer*innen wie diese sind sich am Klaren darüber, dass sie (Wort-)Führer*innen sind. Sie nutzen ihre Bühne, um sich selbst im Scheinwerferlicht zu baden, Zuschauer*innen zu Klackeur*innen zu machen und final eben diesen Applaus einzustreichen.

Die dunkle Seite der Macht

Mit Worten, Mimik und Gestik bist Du in der Lage, Deinen Mitmenschen im besten Fall Botschaften und Denkanstöße mit auf den Weg zu geben, im schlimmsten Fall Lügen und Manipulation zu sähen.

Macht, egal ob in Form von Worten oder Taten, ist so eine Sache. Egoistisch und ohne Rücksicht auf Verluste kannst Du durch den Einsatz von Macht Hierarchien untermauern, bewusst Unterschiede deutlich machen und Dein Wohlbefinden an erste Stelle setzen. Wohlwollend und mit Umsicht kannst Du durch Macht Gemeinschaft fördern, Gerechtigkeit stärken und Gutes in die Welt hinaustragen.

Ein Messer ist weder gut noch schlecht

Es ist einfach ein Messer. Du kannst damit das warme, knusprige Sonntagsbrötchen für Deine Liebsten teilen oder Dich Deiner lästigen Schwiegermutter entledigen. An dem Negativbeispiel muss ich vielleicht noch ein wenig feilen, aber ich denke Du verstehst was ich meine. Ein Messer ist einfach ein Messer. Gut oder schlecht wird es lediglich durch unsere Taten.

Genauso verhält es sich mit Macht. Macht ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach nur Macht. Du kannst damit Dein Ego befriedigen oder anderen helfen, sich zu ermächtigen. Macht ist einfach nur Macht. Gut oder schlecht wird sie lediglich durch unsere Taten.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Ist das Kunst oder kann das weg?

Eine der mir am häufigsten begegnenden Fragen im Bezug auf Sprachmagie lautet:
„Wofür machst Du eigentlich diese Rhetorik-Geschichte?“.

Zur Beantwortung dieser Frage sollten wir zunächst einmal darüber sprechen, was der Begriff Rhetorik bedeutet. Im Duden findest Du als erste Definition kurz und prägnant den Begriff „Redekunst“. Bedeutet das jetzt, Rhetorik ist Kunst oder kann das weg?
Zäumen wir das Pferd doch einfach mal von der anderen Seite auf. Frag Dich bitte selbst einmal:

Wann und wie oft reden wir?

 

Ich gebe zu, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Du ein Schweigegelübde abgelegt hast, findet die Unterhaltung an dieser Stelle ein Ende. Gemäß diesen Falls schau nochmal hier vorbei (Link) – ein bisschen Text, noch mehr Inhalt und ganz ohne Geschwafel.
Solltest Du hingegen zur Sparte der aktiv kommunikativ am Leben Teilnehmenden gehören, dann beantwortet sich die obige Frage wahrscheinlich wie von selbst. Wann und wie oft reden wir? Immer. Fast immer.

Wir erteilen technischen Geräten Befehle (Blogbeitrag: Du bist der Durchschnitt), tauschen uns vermeintlich beiläufig mit Begegnungen aus (Blogbeitrag Smalltalk), tratschen uns durch die Kaffeeküchen, argumentieren uns durch Meetings und Verhandlungen, manövrieren uns sprachlich durch heikle Situationen und selbst im Stillen diskutieren Engelchen und Teufelchen mit dem Schlagabtausch eines Wembley-Turniers von der rechten zur linken Schulter.
Fast immer, das ist gar nicht mal so selten.

Was genau ist es, das uns dazu bringt (so viel) zu reden?

Die Zukunft ist „smart“

Ich habe mich lange gewehrt, aber nun hat er auch bei mir Einzug gehalten, der Smart Speaker. Um es direkt vorwegzunehmen, die ganzen „Endlich gibt mal keiner Widerworte“-Witze darf ich hiermit ohne Umschweife aus der Welt schaffen. Manch einer mag es auf eine nicht ganz lückenlose Internetverbindung schieben, so oder so hört das Teil meines Erachtens nach maximal so gut wie ein 5-jähriges Kind, das den Eiswagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ins Auge gefasst hat. Nicht einmal nach dem obligatorischen Reden mit einem Korken zwischen den Zähnen während eines Rhetorikseminars bemühe ich mich um eine so krampfhaft deutliche Artikulation, wie wenn ich dem kugelförmigen Lautsprecher angespannt Befehle entgegenraune. Und wofür das alles?

Damit er mir das Leben erleichtert. Damit Musik aus den Boxen erklingt, die meine Gefühlslage unterstreicht – meist zuerst Ludovico Einaudi, nach vergeblichem Kampf gegen die Technik dann doch eher Papa Roach. Damit atmosphärisch Musik durch meine Räumlichkeiten vibriert.

Man sieht sich immer zweimal im Leben

Beim Schlendern durch die Fußgängerzone treffe ich das ein oder andere Mal auf flüchtige Bekanntschaften. Wir grüßen uns freundlich und hin und wieder, beim wöchentlichen Gang über den Markt, entstehen seichte Unterhaltungen, Small Talk. Das kann der Handwerker von nebenan sein, die Postbotin oder die ein oder anderen Kund*innen seitens der Firma, in der ich den Großteil meiner Zeit arbeite. Wir reden über Gott und die Welt, darüber, dass das Wetter letztes Jahr um diese Zeit um Längen sonniger war und dass es dem Nachbarshund seit Umstellung seines Futters so viel besser geht. Aber weshalb all diese Gespräche?

Weil auch oberflächliches Geplänkel Zugehörigkeit schafft. Weil man sich immer zweimal im Leben sieht. Weil es am Ende des Tages Bruchteile eines ereignisreichen Wochenendes sind.

Zusammen ist man weniger allein

Manchmal erwische ich mich dabei, die dritte Stunde in Folge fast regungslos vor dem Computer-Bildschirm zu verharren. Kopf und Finger bilden schon lange keine Einheit mehr und mein innerliches Notstromaggregat stellt auf Autopilot um, der dafür sorgt, dass meine Füße den Weg in die betriebliche Cafeteria finden, im Gepäck den leeren Kaffeebecher. Nachdem Zahlen, Daten und Fakten mit Übertreten der Schwelle meines Büros aus meinem Kopf ausradiert werden, ist Platz für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Mit ähnlich nach Energie lechzenden Mitstreiter*innen feiere ich am hochgelobten Vollautomaten kurzzeitig Wiedervereinigung. Es wird debattiert, welche Mitarbeiter*innen allein diese Woche das wievielte Zalando-Paket in die Firma geliefert bekommen haben und wie wir Werbemittel im Falle einer Apokalypse zum Verteidigen unserer Aufständischen-Burg einsetzen würden. Und wozu der Nonsens?

Um die Gedanken mal Gedanken sein zu lassen. Um in all dem Einzelkämpfertum ein Stück Gemeinschaft zu behalten. Um den Kopf wieder für die inhaltsschweren Dinge freizumachen.

Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt

Immer wieder ploppen in meinem Mailkalender Termine auf, die ich gerne umgehen würde. Sie entscheiden über Projektpläne, Werdegänge, Budgetausschöpfungen und so vieles mehr: Meetings und Verhandlungen.
Ein bisschen ist es wie mit der Rückgabe des schon viel zu lange behaltenen Buchs aus der Stadtbücherei. Du kannst die Mahnung zwar ignorieren, am Ende zahlst du allerdings drauf. Ich spreche da aus Erfahrung. Damit ich im Nachhinein keine Einbußen habe, wälze ich also vor einem Meeting Unterlagen auf unabdingbare Inhalte, markiere mit Textmarkern wichtige Ansätze und bereite meine Notizen vor. Jedes Wort will zielgenau positioniert, jeder Fakt auf dem Silbertablett präsentiert und jedes Argument messerscharf auf den Punkt gebracht werden. Aber weshalb der Aufwand?

Dafür, dass Überzeugungen auf fruchtbaren Boden fallen. Dafür, dass Visionen eine echte Chance zugrunde liegt. Dafür, dass Meinungen, egal von welcher Position aus, Gehör finden.

Worte sind mehr als nur Sprache

Nicht nur, aber doch häufiger zu den damals wilden Discozeiten – sowas wollte ich schon immer einmal mit dem unironischen Unterton einer 72-jährigen sagen – fand ich mich leider auch ab und an unfreiwillig in Situationen wieder, die rückblickend für meinen Geschmack weniger Gefahrenpotential hätten bergen dürfen. Nebenstraßen, die zu wenig beleuchtet waren, Mitmenschen, die dem Alkohol ein wenig zu nahestanden oder der Ansicht waren, lange blonde Haare in Verbindung mit Wimperntusche und Lippenstift seien gleichbedeutend mit mangelnder Meinungsfreiheit. In solchen Momenten waren Worte mir oftmals mehr Rüstung als der in der Faust gehaltene Haustürschlüssel. Und wofür all das?

Um der Angst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Um mit Worten zu entschärfen, was Taten zur Explosion bringen würden. Um mit Witz der Realität die Bedrohlichkeit zu nehmen.

Das innere Team

Es gibt Tage, da bin ich mir selbst zu viel. Eine Seite in mir will die Stille genießen, die andere schreit nach Aufmerksamkeit. Teile meiner Persönlichkeit wünschen sich einen gesunden, ausgewogenen Lebensstil und wieder andere lechzen nach fettigem Essen und ausschweifenden Abenden bei kalorienlastigen Longdrinks. Es hat ein bisschen was von Seilziehen, wie früher bei Kinderferienprogrammen. Auf der linken Schulter zieht das Engelchen wohlartikuliert am geflochtenen Nervenstrang, während das Teufelchen auf der rechten Seite unter schnoddrigen Wortneuschöpfungen bereits eine Schlaufe aus dem Ende des Stricks formt. In meinem Kopf finden Diskussionen statt, deren Argumentationen aus einer Kreativwerkstatt entspringen könnten. Aber wozu das Hin und Her?

Damit der innere Kompass sich immer wieder neu ausrichtet. Damit Entscheidungen aus allen Blickwinkeln getroffen werden. Damit jede Stimme für sich Gehör findet.

Wenn wir reden, ob mit anderen oder mit uns selbst, dann tun wir das vor allem einer Sache wegen: Aus einem Grund.

 

Nicht immer ist dieser auf den ersten Blick erkennbar und dennoch führt alles, was Du sagst zu irgendetwas (für Dich) hin. Es ist (persönlich) wichtig. Ansonsten müsste es nicht gesagt werden.
Rhetorik steckt in jedem Wort. Sie steckt in Gesten, in Stimmmelodien, in Haltung und sie steckt im Blick. Wenn Du zu mir sprichst, zeigst Du mir auf, was Dir wichtig ist. Und wenn ich antworte, sollst Du spüren, dass mir das wichtig ist.

 Wenn ich also gefragt werde: „Wofür machst Du eigentlich diese Rhetorik-Geschichte?“, kann ich guten Gewissens sagen: „Aus Gründen.“

 

 

 

Nie wieder (ungewollt) sprachlos

Nie wieder (ungewollt) sprachlos

Kennst Du diese Situation, wenn Dir jemand aus dem Nichts über den Mund fährt und Du einfach nicht weißt, was Du antworten sollst? Und willst Du wissen, wie Du es schaffst, nie wieder sprachlos zu sein?

Nein, sorry, diesen Weg kann und will ich nicht einschlagen. Falls Du Dich fragst, was ich damit meine, lies Dir gerne meinen letzten Blogbeitrag durch (https://sprachmagie.com/100-authent-ich/). Falls Du Dir auch so vorstellen kannst, worauf ich hinauswill, klick trotzdem gern rein, es lohnt sich. 😉

Aber ich will gar nicht lange drumherum reden. Wie Du Dir dank der ersten Zeilen sowie des unfassbar kreativ gewählten Beitrag-Titels sicher schon denken kannst, möchte ich mit Dir das Thema Schlagfertigkeit erörtern.

 

Was bedeutet „Schlagfertigkeit“ überhaupt?

Laut Duden, eine zumeist sichere Quelle für Wortbedeutungen, bezeichnet das Wort Schlagfertigkeit die Fähigkeit, schnell und mit passenden, treffenden, witzigen Worten auf etwas zu reagieren.

Freunde des geflügelten Wortes, wir brauchen es nicht wegzureden: Jeder von uns befand sich schon einmal in der Situation, überrumpelt worden zu sein oder keck von der Seite einen provokanten Kommentar geerntet zu haben. Wahlweise laut vor versammelter Mannschaft oder (mir besonders lieb) grade so laut, dass Du es hören kannst, aber eben noch leise genug, dass der Absender alles abstreiten könnte, sollte es zu einer Konfrontation kommen. Hach, Kommunikation ist was Feines.

Jetzt wäre es einfach, mit drei bis zwölf Techniken um die Ecke zu kommen und Dich in die Geheimnisse der Schlagfertigkeit einzuweihen. Da ich selbst aber ungern Dinge einfach so hinnehme und gerne das Warum hinter meinem Tun kenne (und ich es ja nun einmal bin, die diesen Beitrag verfasst) kommst auch Du (glücklicherweise) nicht um die Beantwortung der Frage herum: Aus welchem Grund „müssen“ wir überhaupt schlagfertig sein?

 

In einer perfekten Welt …

… Spräche jeder offen und ehrlich über seine Gefühle, formulierte Ich-Botschaften und übernähme Verantwortung für das Gesagte. Der Schlagfertigkeit bedienten wir uns nur aus humoristischen Gründen und stets in Verbindung mit einem spitzbübischen Lächeln, mehr von Unschuld als von Häme getragen.

Im Hier und Jetzt sieht das leider nicht immer ganz so aus.
Ohne es in Gänze aussprechen zu wollen, verpacken Menschen Wut und Ängste wiederholt in (fast beiläufig klingende) Anmerkungen. Mal mehr, mal weniger süffisant. Häufig dient dies vor allem dazu, von sich selbst abzulenken, also den sprichwörtlichen Kelch weiterzureichen. Ziel ist es dabei zumeist, jemand anderen in die Position zu bringen, sich rechtfertigen zu müssen und ihn damit in den Fokus zu rücken.

In welchen Situationen siehst Du Dich rückblickend, vielleicht sogar brandaktuell, in der (Not-)Lage, ad hoc auf gewitzte Weise antworten zu müssen?

 

Die Ausgangssituation

Als olympiareife Gegen-die-Zeit-Läuferin entere ich gerne mal unfreiwillig aufsehenerregend Büro- oder Seminarräume. Mir über meine Eigenverantwortung bewusst, verkneife ich mir an den Haaren herbeigezogene Ausreden. Trotzdem gehen Fragen wie „Na, hat der Wecker wieder nicht geklingelt?“ oder „Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ selbstverständlich auch an mir nicht vorbei.

Früher hätte mein Gesicht an dieser Stelle wohl die Farbe einer Tomate angenommen und ich hätte mich gesenkten Hauptes zu einem leeren Platz durchgemogelt. Im Bauch ein ungutes Gefühl wegen meines wohlwissentlichen Zuspätkommens und auf den Schultern die schwerwiegende Scham über die Bloßstellung vor allen anderen.

Versteh mich bitte nicht falsch: Zuspätkommen ist nichts, was ich glorifizieren möchte. Mir ist bewusst, dass Menschen Dinge wie mangelnde Wertschätzung, Respektlosigkeit oder Aufmerksamkeits-Hascherei damit verbinden. Alles Punkte, die keinerlei Platz in der Wahrnehmung meiner Zeitlinie finden.

Komme ich zu spät? Ja. Ist mir das Anliegen deshalb weniger wichtig? Auf keinen Fall. Möchte ich daher möglichst störungsfrei zu den anderen stoßen? Na klar! Bringen Dozent*innen ihre Wut trotzdem durch spitzes Nachfragen zum Ausdruck? Zu 98%.
Kann ich das verstehen? Manchmal.

Noch einmal: In einer perfekten Welt würden wir wohl aufeinander zugehen und es fielen Sätze wie „Es trifft mich, wenn Du zu spät kommst. Dadurch habe ich das Gefühl, meine Arbeit wird nicht gewertschätzt.“ Entgegnet von „Danke, dass Du mir das sagst. Ich schätze Deine Arbeit sehr und war mir nicht bewusst, welche Auswirkungen mein Zuspätkommen mit sich bringt.“ Na gut, in einer perfekten Welt würde ich wohl auch nicht zu spät kommen, aber dazu ein anderes Mal mehr.

 

Wortbilder aufgreifen

Wieder im Heute, samt (beidseitig) emotionsgeladener Kommunikation, wappne ich mich also mit Schlagfertigkeit für den verbalen Gegenangriff. Pünktlich zwei Minuten nach Schließen der Hörsaaltür kommt mein großer Auftritt. Kamera läuft, Spot an, Klappe die erste!
Skriptgetreu ertönt mit meinen ersten Schritten in den Raum bereits die Frage „Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ Und das ist mein Stichwort. Im wahrsten Sinne des Wortes: „Klar, ich hab‘ mich heut früh schließlich nicht umsonst in Schale geworfen!“ Mic Drop.

Im schlechtesten Fall herrscht jetzt Ruhe. Im besten müssen alle Beteiligten über die Situation schmunzeln. Beachte bitte, dass es nie darum gehen sollte, jemanden mit Worten zu verletzen. In diesem Beispiel habe ich die Aussage über den großen Auftritt lediglich wörtlich genommen. Das einfachste Stilmittel schlagfertig zu antworten, besteht darin, Wortbilder aufzugreifen, und sie Dir zunutze zu machen.

 

Lieber-Als-Technik

Wir spulen noch einmal zurück. Klappe die zweite!
„Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ – „Lieber den großen Auftritt als eine verpasste Unterrichtseinheit.“

Mit der sogenannten „Lieber-Als-Technik“ bringst Du Deine Zuhörer*innen erst einmal zum Nachdenken. Je nachdem wie Du sie formulierst, kannst Du Wichtigkeit in Aussagen legen. In diesem Beispiel nehme ich den Kommentar zwar nicht schweigend hin, unterstreiche gleichzeitig aber auf charmante Art und Weise, dass mir die Teilnahme etwas bedeutet.

 

Chunking

Und da bekanntlich aller guten Dinge drei sind: Klappe … Ach, Du weißt schon.
„Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ – „Viel wichtiger als mein Auftritt ist doch, dass die Veranstaltung hier heute gut über die Bühne geht.“

In keinem zeitgemäßen Blogartikel sollte es an neudeutschen Begriffen mangeln, daher möchte ich Dir an diesem Beispiel das sogenannte Chunking näherbringen. Hierbei geht es darum, Dinge ins Verhältnis zu setzen. Ich nehme den Fokus von meinem einzelnen kleinen Auftritt und setze ihn ins Verhältnis zum gesamten Seminartag. Diese Technik funktioniert in sämtliche Richtungen. Blas das Thema auf (Up-Chunking), zerlege es in kleinste Einzelteile (Down-Chunking) oder orientiere Dich an inhaltlichen Parallelen (Lateral Chunking).

 

 

Du siehst, so wie es dutzende Variationen von kommunikativen Giftpfeilen gibt, so existieren erfreulicherweise auch mindestens genauso viele rhetorische Antidote, um dem nach Rechtfertigung strebendem Pfeil die Flugkraft zu nehmen oder sogar den Schützen zu entwaffnen.

Überleg Dir, was Du mit Deiner Antwort erreichen möchtest und tatsächlich auch, entgegen aller Schlagfertigkeits-Ratgeber, ob Du überhaupt etwas entgegnen „musst“. Schlagfertigkeit ist vor allem eine Sache der Haltung. Ein selbstsicher gesprochenes „Ja“ kann deutlich wirkungsvoller sein als mit gebrochener Stimme formulierte Satzwunder. Und ein klarer Blick sagt manchmal mehr aus als tausend Worte. Und „müssen“ müssen wir schon einmal gar nichts.

 

100% Authent-Ich

100% Authent-Ich

Ich will ehrlich zu Dir sein: Ich bin müde. Müde davon, eine Werbung nach der anderen angezeigt zu bekommen, von Trainern, Life-Coaches und vermeintlichen Weltverbesserern, die mir in zweiminütigen Videos erklären, weshalb ausgerechnet ihr geballtes Wissen dafür verantwortlich sein wird, meine Lebensqualität ins Unermessliche zu steigern. Natürlich bin ich mir bewusst, dass der allseits bekannte Algorithmus mir solches Videomaterial nicht grundlos anzeigt.

Dabei ist es auch nicht die Thematik, die mich stört. Im Gegenteil, schließlich bin ich selbst als Trainerin tätig. Ganz abgesehen von meiner festen Überzeugung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Außerdem glaube ich, dass es Unmengen an Coachingbereichen sowie unzählige individuelle Geschmäcker gibt, die eine Vielzahl an Trainer*innen durchaus rechtfertigen. Naja, und ich lerne gerne dazu.

Was mich stört, …

… ist die Art und Weise vieler dieser Angebote. Nehmen wir beispielsweise (nicht ganz ohne Grund) den Themenbereich Rhetorik. Wie oft steht da ein Mensch vor der Kamera, kerzengrade, das Lächeln ins Gesicht gemeißelt und erzählt Dir, wie auch Du es schaffst, in nur drei bis 24 Schritten Deine Redeangst abzulegen? Selbstverständlich für den angemessenen Preis von 399,- €, inklusive hochwertigstem Videomaterial mit einer übersichtlichen Dauer von vier Stunden. Mit viel Glück erhältst Du zusätzlich noch einen Download-Link zu einer halbherzig korrekturgelesenen PDF-Datei. Dieser Mensch will Dir zeigen, wie du freisprechend und vollkommen natürlich vor einer Audienz stehst und dabei überzeugend Deinen Standpunkt vermittelst. Während er oder sie über aufrechte Haltung und Schlagfertigkeits-Tipps referiert, untermalt die Person wichtige Informationen durch ausgeprägte Handbewegungen und verleiht ihren Aussagen durch Zusammenkneifen der Augen bedeutungsschwangeren Wert.

In der Theorie hast Du jetzt alles, was es braucht, um als hochkarätige*r Redner*in selbstbewusst auf die Bühne zu treten. Also rein theoretisch. Bevor ich näher auf meine Sicht der Dinge eingehe, möchte ich zusammen mit Dir einen noch tieferen Blick auf die meist Unterrichtenden werfen:

Die Unterrichtenden

Als Redner solltest Du in jedem Fall mit einem Lächeln wie aus der Colgate-Werbung geschnitten aufwarten. Bitte nutze mindestens 13,4g Haarwachs, um Deine Föhnwelle charismatisch in Form zu bringen. Alternativ funktioniert auch ein sich langsam nach hinten verflüchtigender Haaransatz. Die Hauptsache ist, Du denkst an das Haarwachs.

Falls Du an dieser Stelle, der Gerechtigkeit halber, Beschreibungen von ausfrisierten Damenhaarschnitten vermisst, hat dies einen Grund. Weibliche Rednerinnen, Trainerinnen und weibliche Coaches genießen in dieser Branche nach wie vor Seltenheitswert (man verzeihe mir also das fehlende Gender-Sternchen am Anfang des vorangehenden Absatzes).

Kleide Dich wie die ganz Großen

In Deinem Kleiderschrank sollten auf keinen Fall weniger als sieben gut gestärkte Ralph-Lauren-Hemden mit steif gebügeltem Kragen hängen. Dazu kombiniert mindestens zwei unterschiedliche Sakkos, eins in Anthrazit, das andere in seriösem Blau. Wenn es leger sein soll, gerne das Camp-David-Poloshirt Dann aber mit hochgeklapptem Kragen! Du willst bei den ganz Großen mitspielen? Dann kleide Dich wie die ganz Großen!

Und sollte sich doch mal versehentlich eine Frau auf die Bühne/vor die Kamera verlaufen, hier die Dich zum Erfolg bringende goldene Regel: Hosenanzug, Kleid, Kostüm. Punkt. Hohe Schuhe sind selbstredend. Und roter Lippenstift! Im Gegensatz zu den Herren aber bitte weniger aufgesetzt lächeln, ein gewisses Maß an Skepsis sollte stetig im Blick erkennbar sein. Du bist keine echte Trainerin, wenn nicht jeder sieht, wie tough Du Deinen „Mann stehst“, wie bewusst Du aber zeitgleich Deine innere Femme fatale nach außen trägst.

Stimme macht Stimmung

Nicht weniger wichtig ist der Einsatz Deiner Stimmbänder. Schließlich hat alles, was Sprecher*innen sagen Gewicht und will Gehör finden. Du dozierst nicht nur über optimale Stimmmuster, klare Artikulation und die Beachtung von Pausen, sondern präsentierst diese mit jedem gesprochenen Satz. Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Unabdingbar ist es hierbei, Dein Gesagtes mit auschoreographierter Gestik zu untermalen. Achte vor allem darauf, besonders gehaltvollen Gesprächsinhalten mit weit geöffneten Armen Dimension zu geben und Negativbeispiele mit nach unten wedelnden Handbewegungen nichtig zu sprechen. Auch hier bitte: Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Vergiss nicht, dass Du eine Botschaft hast, die Du Deinen Zuschauer*innen übermitteln möchtest. Aufmerksamkeit entsteht vor allem durch Aufsehen. Es geht darum, den Menschen zu zeigen, wer Du bist. Mach Dir also Gedanken darüber, was Dich zum Reden prädestiniert. Eine Aufzählung von Titeln und Referenzen macht sich hierbei besonders gut. Informiere, wie vielen Menschen Du bereits zu einem besseren Leben verholfen hast und stütze Deine Ausführungen mit Zahlen. So wie man eben Nähe schafft: Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Letztlich lassen sich all diese Punkte zu einem zusammenfassen. Am Ende ist es das Wichtigste, dass Du Du selbst bist. 100% authentisch. Nur eben ohne Füllwörter. Die gehen gar nicht!

Und jetzt mal ehrlich …

Wenn ich so etwas sehe, dreht sich mir der Magen um.

In den Anfängen meiner Ausbildung zur Lehrtrainerin durfte ich selbst Zeugin davon werden, wie Teilnehmer*innen während des Präsentierens alles waren, nur eben nicht sie selbst. Ständig waberte der Wunsch nach authentischem Auftreten wie eine schwere Wolke durch den Raum. Paradoxerweise verwandten gleichzeitig alle ihre Energie darauf, unseren Trainier bis ins kleinste Detail zu imitieren. Alles von ihm abweichende schien unprofessionell, alles Imitierte hingegen wurde kommentiert mit „Das ist schon gut, aber, irgendwie bist das nicht so richtig Du“. (Ach was …) Mit Authentizität jedenfalls hatte das bei weitem nichts zu tun.

Der Schlüssel zum Erfolg

So gehemmt, wie die einzelnen Personen versuchten, auf der Bühne Inhalte zu reproduzieren, so ausgelassen schmissen sie wiederum in der Mittagspause mit Anekdoten um sich. Alle Teilnehmer*innen auf ihre ganz eigene, besondere Art und Weise. Für mich sind solche Situationen rückblickend die eigentlichen Schlüsselmomente meiner Lehrzeit.

Klar, ab einer gewissen Menge Füllwörter oder mit Schnappatmung gepaarter „Ähm‘s“ stellt sich auch bei mir die rhetorische Alarmbereitschaft ein. Dennoch bin ich der Auffassung, dass gewisse Makel uns überhaupt zu der Person machen, die wir sind. Damit meine ich Persönlichkeitsmerkmale und kleine Eigenheiten, die bei flüchtiger Beurteilung womöglich rhetorisch nicht einwandfrei erscheinen, die auf der persönlichen Ebene aber für Nähe und Wiedererkennungswert sorgen.

Wenn Du nicht der Typ für Hemden bist, trag ein Shirt unterm Sakko. Wenn Du auf Pfennigabsätzen keine zwei Meter weit kommst, greif zu trendigen Loafers.

Sprich Dialekt oder nutze Neologismen, nur sprich sie mit Deiner Stimme.

Die eine Geste, die sich immer wieder einschleicht, mach sie zu Deinem Merkmal.

Vergiss nicht, dass Du eine Botschaft hast, die Du Deinen Zuschauer*innen übermitteln möchtest. Mach Dir also Gedanken darüber, was Dich zum Reden prädestiniert. Nicht um Deinetwillen, sondern für sie.

 

Letztlich lassen sich all diese Punkte zu einem zusammenfassen. Am Ende ist es das Wichtigste, dass Du Du selbst bist. 100% authentisch. Meinetwegen auch mit Füllwörtern.

 

 

Beitragsbild ©TjinGwan

Trennungsgrund: Teamwork

Trennungsgrund: Teamwork

Geht’s Dir auch manchmal so, dass Du zwar ganz viel umsetzen möchtest, aber irgendwas hindert Dich daran, loszulegen? Genauso erwische ich mich vor einem Stück Papier sitzend, mit kreisenden Gedanken, gleich einem Geier, der auf einen schwachen Moment seiner Beute wartet. Blöd nur, wenn das angepeilte Objekt der Begierde so gar keine Anstalten macht, sich seinem Schicksal zu ergeben. Wenn das altersschwache Steppenzebra zum verspielten Wildpferd mutiert und meine Aufmerksamkeitsspanne sich damit der eines Eichhörnchens nähert.

Die Tatsache, dass es sich hier mehr um einen Beitrag zum Thema NRP® (Neuro Rhetorisches Programmieren) als um afrikanische Steppengleichnisse handeln sollte, verdeutlicht mein Dilemma. Der Fakt, dass ich weiterhin überlege, ob es wirklich afrikanische Steppen sind in denen … Ich denke, Du verstehst, was ich meine.

Seit ich denken kann, schreibe ich alles auf, was mir durch den Kopf geht. Auf diese Art habe ich für mich gelernt, rotierenden Gedanken eine Form zu verleihen. Indem ich meinen Gedanken Struktur gebe, indem ich sie zähme, schaffe ich in meinem Kopf den nötigen Freiraum, um sie loszulassen, sodass sie sich entfalten können. Das klingt zunächst wirr, ist aber ungemein befreiend – womit wir wieder bei den Wildpferden wären.

Spaß beiseite: Man könnte meinen, dass mein Spleen der schriftlichen Verarbeitung von Gedanken mir auch beruflich zugute kommt. Damit Geld zu verdienen ist doch eigentlich das Beste, was mir passieren konnte, oder etwa nicht? Ich will Dir veranschaulichen, weswegen:

 

Berufliches Schreiben

In Verbindung mit einer Themenvorgabe geraten meine Gedanken ins Stocken. Neben all den ungeordneten Informationen schwirren Dinge wie eine angemessene Ausdrucksweise oder inhaltliche Richtigkeit in meinem Kopf umher. Oh, und Grammatik, besonders Grammatik und nicht, weil sie mir so besonders liegt. So viel ist klar.

Der Verstand ist schnell dabei und hinterfragt schon während des Schreibprozesses Inhalte oder überdenkt mögliche Stilmittel wie beispielsweise „Geschichte in Geschichte“ oder mögliche Ringschlüsse. Noch während des Überfliegens der bereits geschriebenen Zeilen erwische ich mich dabei, wie einzelne, vermeintlich bessere Worte durch meinen Kopf sausen und darauf drängen, den Platz des davor geschriebenen Wortes einzunehmen. Meine Finger bewegen sich fortwährend zwischen Buchstabenfeld und Löschtaste. Klick, klick, klick – klack.

Genauso verhält es sich bei Rechtschreibfehlern und womöglich falscher Interpunktion (nicht, dass ich ernsthaft versiert auf diesem Gebiet wäre). Klick, klick – klack, klack.

Sei es eine rot oder blau unterlegte Linie, die mir einen Fehler unübersehbar aufs digitale Butterbrot schmiert oder der eigene von Word nicht einmal erkannte kleine Tipp-Fehler, der mich dazu zwingt in alter Monk-Manier mit meiner Konzentration an den vergangenen Zeilen zu verharren, den blinkenden Cursor mahnend im Augenwinkel. Klack.

 

Persönliches Schreiben

Ich möchte ehrlich zu Dir sein: Meistens denke ich nicht nach. Versteh mich bitte nicht falsch, es ist nicht so, dass mich das stört. Im Gegenteil, denn genau dann, wenn ich nicht nachdenke, laufe ich zu Höchstleistungen auf! Die Finger fliegen nur so über die Tastatur. Meist hebe ich währenddessen nicht einmal den Blick, um zu überprüfen, welche Spuren mein ungestümes Tippen auf dem Keyboard auf dem weiß strahlenden Bildschirmhintergrund hinterlässt. Man, ist das manches Mal ein Kauderwelsch, was mir im Anschluss entgegenschlägt! Jackson Pollock* wäre neidisch auf die zahlreichen Farbkleckse, die die schwarze Schrift in Form von Wellen und Linien kontrastieren. So schmaddert der eine Farbe auf unberührte Leinwände und die andere Wortgulasch auf digitale Projektionsfläche.

Dabei ist es die Freiheit, Kontrolle abzugeben, loszulassen und den vermeintlich unsinnigsten Gedanken Raum zu geben, die plötzlich ungeahnte Worte und Satzbauten durch meine Finger strömen lässt.

Jetzt sollte man meinen, dass spätestens in der Nachbearbeitung Unmengen Arbeit damit verbunden sind, um das paraphrasierende Gedanken-Karussel und die durch Interpunktion geprägte Ratio übereinzubringen. Und oh, wie gern würde ich an dieser Stelle mit Fleiß und Akribie protzen. Tatsache ist aber, dass das erwartete Chaos letztlich ausbleibt. Die ein oder andere Kommasetzung hier, ein wenig Buchstabentauschen da, gepaart mit der Erkenntnis, dass die Intuition letzten Endes doch der bessere Berater zu sein scheint.

 

Intuition 1:0 Verstand

Die gute Nachricht: Ich darf mich glücklich schätzen sowohl Intuition als auch Verstand als Anteile meiner Persönlichkeit zu wissen. Es könnte also schlimmer sein.

Die schlechte Nachricht: Von Teamwork halten diese Anteile nicht all zu viel.

Also grüble ich, wie ich die ungleichen Eigenschaften zur Zusammenarbeit bewegen kann.

Da ist die kreative Seite, die frei von der Leber weg Bauchgefühl in Worte fasst und so Gedanken Wiedererkennungswert verleiht und auf der anderen Seite die Logik, die vermeintliche Wortfetzen in Reih und Glied bringt.

Dabei fällt mir auf, dass die beiden sich gar nicht so unähnlich sind. Ziel des einen wie des anderen ist es, möglichst einen verständlichen schriftlichen Mehrwert für jedermann zu schaffen. Lediglich die Herangehensweise ist unterschiedlich.

Durch NLP (Neuro Linguistisches Programmieren) habe ich gelernt, jeden meiner Anteile für sich anzuerkennen und wertzuschätzen. Wobei „jeden … für sich“ in diesem Fall das Stichwort ist. Denn was, wenn die beiden gar nicht zusammenarbeiten müssen, sondern nacheinander viel effektiver ihr Potential entfalten?

 

Musik klopft durch die Kopfhörer meines Handys an mein Trommelfell und setzt mit sanften, wiederkehrenden Bassklängen wohlige Entspannung in jeder Faser meines Körpers frei. Getragen von der Melodie fließen Bilder, Töne und Empfindungen in Form von Buchstaben auf die Seiten meines Word-Dokuments. Die Finger fliegen nur so über die Tastatur.

Mit Ausschalten meiner Playlist wechsle ich von der samtigen Couch zum Schreibtischstuhl. Gewappnet mit einer Tasse Tee konzentriere ich mich auf die geschriebenen Worte, bringe Struktur in die Buchstabensuppe und merze Flüchtigkeitsfehler aus. Zufrieden setze ich sprichwörtlich den finalen Punkt. Klick, klick – klack, klack.

*Paul Jackson Pollock (* 28. Januar 1912 in CodyWyoming; † 11. August 1956 in East HamptonNew York) war ein US-amerikanischer Maler und ein bedeutender Vertreter des abstrakten Expressionismus der New York School.