Ich will ehrlich zu Dir sein: Ich bin müde. Müde davon, eine Werbung nach der anderen angezeigt zu bekommen, von Trainern, Life-Coaches und vermeintlichen Weltverbesserern, die mir in zweiminütigen Videos erklären, weshalb ausgerechnet ihr geballtes Wissen dafür verantwortlich sein wird, meine Lebensqualität ins Unermessliche zu steigern. Natürlich bin ich mir bewusst, dass der allseits bekannte Algorithmus mir solches Videomaterial nicht grundlos anzeigt.

Dabei ist es auch nicht die Thematik, die mich stört. Im Gegenteil, schließlich bin ich selbst als Trainerin tätig. Ganz abgesehen von meiner festen Überzeugung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Außerdem glaube ich, dass es Unmengen an Coachingbereichen sowie unzählige individuelle Geschmäcker gibt, die eine Vielzahl an Trainer*innen durchaus rechtfertigen. Naja, und ich lerne gerne dazu.

Was mich stört, …

… ist die Art und Weise vieler dieser Angebote. Nehmen wir beispielsweise (nicht ganz ohne Grund) den Themenbereich Rhetorik. Wie oft steht da ein Mensch vor der Kamera, kerzengrade, das Lächeln ins Gesicht gemeißelt und erzählt Dir, wie auch Du es schaffst, in nur drei bis 24 Schritten Deine Redeangst abzulegen? Selbstverständlich für den angemessenen Preis von 399,- €, inklusive hochwertigstem Videomaterial mit einer übersichtlichen Dauer von vier Stunden. Mit viel Glück erhältst Du zusätzlich noch einen Download-Link zu einer halbherzig korrekturgelesenen PDF-Datei. Dieser Mensch will Dir zeigen, wie du freisprechend und vollkommen natürlich vor einer Audienz stehst und dabei überzeugend Deinen Standpunkt vermittelst. Während er oder sie über aufrechte Haltung und Schlagfertigkeits-Tipps referiert, untermalt die Person wichtige Informationen durch ausgeprägte Handbewegungen und verleiht ihren Aussagen durch Zusammenkneifen der Augen bedeutungsschwangeren Wert.

In der Theorie hast Du jetzt alles, was es braucht, um als hochkarätige*r Redner*in selbstbewusst auf die Bühne zu treten. Also rein theoretisch. Bevor ich näher auf meine Sicht der Dinge eingehe, möchte ich zusammen mit Dir einen noch tieferen Blick auf die meist Unterrichtenden werfen:

Die Unterrichtenden

Als Redner solltest Du in jedem Fall mit einem Lächeln wie aus der Colgate-Werbung geschnitten aufwarten. Bitte nutze mindestens 13,4g Haarwachs, um Deine Föhnwelle charismatisch in Form zu bringen. Alternativ funktioniert auch ein sich langsam nach hinten verflüchtigender Haaransatz. Die Hauptsache ist, Du denkst an das Haarwachs.

Falls Du an dieser Stelle, der Gerechtigkeit halber, Beschreibungen von ausfrisierten Damenhaarschnitten vermisst, hat dies einen Grund. Weibliche Rednerinnen, Trainerinnen und weibliche Coaches genießen in dieser Branche nach wie vor Seltenheitswert (man verzeihe mir also das fehlende Gender-Sternchen am Anfang des vorangehenden Absatzes).

Kleide Dich wie die ganz Großen

In Deinem Kleiderschrank sollten auf keinen Fall weniger als sieben gut gestärkte Ralph-Lauren-Hemden mit steif gebügeltem Kragen hängen. Dazu kombiniert mindestens zwei unterschiedliche Sakkos, eins in Anthrazit, das andere in seriösem Blau. Wenn es leger sein soll, gerne das Camp-David-Poloshirt Dann aber mit hochgeklapptem Kragen! Du willst bei den ganz Großen mitspielen? Dann kleide Dich wie die ganz Großen!

Und sollte sich doch mal versehentlich eine Frau auf die Bühne/vor die Kamera verlaufen, hier die Dich zum Erfolg bringende goldene Regel: Hosenanzug, Kleid, Kostüm. Punkt. Hohe Schuhe sind selbstredend. Und roter Lippenstift! Im Gegensatz zu den Herren aber bitte weniger aufgesetzt lächeln, ein gewisses Maß an Skepsis sollte stetig im Blick erkennbar sein. Du bist keine echte Trainerin, wenn nicht jeder sieht, wie tough Du Deinen „Mann stehst“, wie bewusst Du aber zeitgleich Deine innere Femme fatale nach außen trägst.

Stimme macht Stimmung

Nicht weniger wichtig ist der Einsatz Deiner Stimmbänder. Schließlich hat alles, was Sprecher*innen sagen Gewicht und will Gehör finden. Du dozierst nicht nur über optimale Stimmmuster, klare Artikulation und die Beachtung von Pausen, sondern präsentierst diese mit jedem gesprochenen Satz. Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Unabdingbar ist es hierbei, Dein Gesagtes mit auschoreographierter Gestik zu untermalen. Achte vor allem darauf, besonders gehaltvollen Gesprächsinhalten mit weit geöffneten Armen Dimension zu geben und Negativbeispiele mit nach unten wedelnden Handbewegungen nichtig zu sprechen. Auch hier bitte: Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Vergiss nicht, dass Du eine Botschaft hast, die Du Deinen Zuschauer*innen übermitteln möchtest. Aufmerksamkeit entsteht vor allem durch Aufsehen. Es geht darum, den Menschen zu zeigen, wer Du bist. Mach Dir also Gedanken darüber, was Dich zum Reden prädestiniert. Eine Aufzählung von Titeln und Referenzen macht sich hierbei besonders gut. Informiere, wie vielen Menschen Du bereits zu einem besseren Leben verholfen hast und stütze Deine Ausführungen mit Zahlen. So wie man eben Nähe schafft: Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Letztlich lassen sich all diese Punkte zu einem zusammenfassen. Am Ende ist es das Wichtigste, dass Du Du selbst bist. 100% authentisch. Nur eben ohne Füllwörter. Die gehen gar nicht!

Und jetzt mal ehrlich …

Wenn ich so etwas sehe, dreht sich mir der Magen um.

In den Anfängen meiner Ausbildung zur Lehrtrainerin durfte ich selbst Zeugin davon werden, wie Teilnehmer*innen während des Präsentierens alles waren, nur eben nicht sie selbst. Ständig waberte der Wunsch nach authentischem Auftreten wie eine schwere Wolke durch den Raum. Paradoxerweise verwandten gleichzeitig alle ihre Energie darauf, unseren Trainier bis ins kleinste Detail zu imitieren. Alles von ihm abweichende schien unprofessionell, alles Imitierte hingegen wurde kommentiert mit „Das ist schon gut, aber, irgendwie bist das nicht so richtig Du“. (Ach was …) Mit Authentizität jedenfalls hatte das bei weitem nichts zu tun.

Der Schlüssel zum Erfolg

So gehemmt, wie die einzelnen Personen versuchten, auf der Bühne Inhalte zu reproduzieren, so ausgelassen schmissen sie wiederum in der Mittagspause mit Anekdoten um sich. Alle Teilnehmer*innen auf ihre ganz eigene, besondere Art und Weise. Für mich sind solche Situationen rückblickend die eigentlichen Schlüsselmomente meiner Lehrzeit.

Klar, ab einer gewissen Menge Füllwörter oder mit Schnappatmung gepaarter „Ähm‘s“ stellt sich auch bei mir die rhetorische Alarmbereitschaft ein. Dennoch bin ich der Auffassung, dass gewisse Makel uns überhaupt zu der Person machen, die wir sind. Damit meine ich Persönlichkeitsmerkmale und kleine Eigenheiten, die bei flüchtiger Beurteilung womöglich rhetorisch nicht einwandfrei erscheinen, die auf der persönlichen Ebene aber für Nähe und Wiedererkennungswert sorgen.

Wenn Du nicht der Typ für Hemden bist, trag ein Shirt unterm Sakko. Wenn Du auf Pfennigabsätzen keine zwei Meter weit kommst, greif zu trendigen Loafers.

Sprich Dialekt oder nutze Neologismen, nur sprich sie mit Deiner Stimme.

Die eine Geste, die sich immer wieder einschleicht, mach sie zu Deinem Merkmal.

Vergiss nicht, dass Du eine Botschaft hast, die Du Deinen Zuschauer*innen übermitteln möchtest. Mach Dir also Gedanken darüber, was Dich zum Reden prädestiniert. Nicht um Deinetwillen, sondern für sie.

 

Letztlich lassen sich all diese Punkte zu einem zusammenfassen. Am Ende ist es das Wichtigste, dass Du Du selbst bist. 100% authentisch. Meinetwegen auch mit Füllwörtern.

 

 

Beitragsbild ©TjinGwan