100% Authent-Ich

100% Authent-Ich

Ich will ehrlich zu Dir sein: Ich bin müde. Müde davon, eine Werbung nach der anderen angezeigt zu bekommen, von Trainern, Life-Coaches und vermeintlichen Weltverbesserern, die mir in zweiminütigen Videos erklären, weshalb ausgerechnet ihr geballtes Wissen dafür verantwortlich sein wird, meine Lebensqualität ins Unermessliche zu steigern. Natürlich bin ich mir bewusst, dass der allseits bekannte Algorithmus mir solches Videomaterial nicht grundlos anzeigt.

Dabei ist es auch nicht die Thematik, die mich stört. Im Gegenteil, schließlich bin ich selbst als Trainerin tätig. Ganz abgesehen von meiner festen Überzeugung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Außerdem glaube ich, dass es Unmengen an Coachingbereichen sowie unzählige individuelle Geschmäcker gibt, die eine Vielzahl an Trainer*innen durchaus rechtfertigen. Naja, und ich lerne gerne dazu.

Was mich stört, …

… ist die Art und Weise vieler dieser Angebote. Nehmen wir beispielsweise (nicht ganz ohne Grund) den Themenbereich Rhetorik. Wie oft steht da ein Mensch vor der Kamera, kerzengrade, das Lächeln ins Gesicht gemeißelt und erzählt Dir, wie auch Du es schaffst, in nur drei bis 24 Schritten Deine Redeangst abzulegen? Selbstverständlich für den angemessenen Preis von 399,- €, inklusive hochwertigstem Videomaterial mit einer übersichtlichen Dauer von vier Stunden. Mit viel Glück erhältst Du zusätzlich noch einen Download-Link zu einer halbherzig korrekturgelesenen PDF-Datei. Dieser Mensch will Dir zeigen, wie du freisprechend und vollkommen natürlich vor einer Audienz stehst und dabei überzeugend Deinen Standpunkt vermittelst. Während er oder sie über aufrechte Haltung und Schlagfertigkeits-Tipps referiert, untermalt die Person wichtige Informationen durch ausgeprägte Handbewegungen und verleiht ihren Aussagen durch Zusammenkneifen der Augen bedeutungsschwangeren Wert.

In der Theorie hast Du jetzt alles, was es braucht, um als hochkarätige*r Redner*in selbstbewusst auf die Bühne zu treten. Also rein theoretisch. Bevor ich näher auf meine Sicht der Dinge eingehe, möchte ich zusammen mit Dir einen noch tieferen Blick auf die meist Unterrichtenden werfen:

Die Unterrichtenden

Als Redner solltest Du in jedem Fall mit einem Lächeln wie aus der Colgate-Werbung geschnitten aufwarten. Bitte nutze mindestens 13,4g Haarwachs, um Deine Föhnwelle charismatisch in Form zu bringen. Alternativ funktioniert auch ein sich langsam nach hinten verflüchtigender Haaransatz. Die Hauptsache ist, Du denkst an das Haarwachs.

Falls Du an dieser Stelle, der Gerechtigkeit halber, Beschreibungen von ausfrisierten Damenhaarschnitten vermisst, hat dies einen Grund. Weibliche Rednerinnen, Trainerinnen und weibliche Coaches genießen in dieser Branche nach wie vor Seltenheitswert (man verzeihe mir also das fehlende Gender-Sternchen am Anfang des vorangehenden Absatzes).

Kleide Dich wie die ganz Großen

In Deinem Kleiderschrank sollten auf keinen Fall weniger als sieben gut gestärkte Ralph-Lauren-Hemden mit steif gebügeltem Kragen hängen. Dazu kombiniert mindestens zwei unterschiedliche Sakkos, eins in Anthrazit, das andere in seriösem Blau. Wenn es leger sein soll, gerne das Camp-David-Poloshirt Dann aber mit hochgeklapptem Kragen! Du willst bei den ganz Großen mitspielen? Dann kleide Dich wie die ganz Großen!

Und sollte sich doch mal versehentlich eine Frau auf die Bühne/vor die Kamera verlaufen, hier die Dich zum Erfolg bringende goldene Regel: Hosenanzug, Kleid, Kostüm. Punkt. Hohe Schuhe sind selbstredend. Und roter Lippenstift! Im Gegensatz zu den Herren aber bitte weniger aufgesetzt lächeln, ein gewisses Maß an Skepsis sollte stetig im Blick erkennbar sein. Du bist keine echte Trainerin, wenn nicht jeder sieht, wie tough Du Deinen „Mann stehst“, wie bewusst Du aber zeitgleich Deine innere Femme fatale nach außen trägst.

Stimme macht Stimmung

Nicht weniger wichtig ist der Einsatz Deiner Stimmbänder. Schließlich hat alles, was Sprecher*innen sagen Gewicht und will Gehör finden. Du dozierst nicht nur über optimale Stimmmuster, klare Artikulation und die Beachtung von Pausen, sondern präsentierst diese mit jedem gesprochenen Satz. Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Unabdingbar ist es hierbei, Dein Gesagtes mit auschoreographierter Gestik zu untermalen. Achte vor allem darauf, besonders gehaltvollen Gesprächsinhalten mit weit geöffneten Armen Dimension zu geben und Negativbeispiele mit nach unten wedelnden Handbewegungen nichtig zu sprechen. Auch hier bitte: Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Vergiss nicht, dass Du eine Botschaft hast, die Du Deinen Zuschauer*innen übermitteln möchtest. Aufmerksamkeit entsteht vor allem durch Aufsehen. Es geht darum, den Menschen zu zeigen, wer Du bist. Mach Dir also Gedanken darüber, was Dich zum Reden prädestiniert. Eine Aufzählung von Titeln und Referenzen macht sich hierbei besonders gut. Informiere, wie vielen Menschen Du bereits zu einem besseren Leben verholfen hast und stütze Deine Ausführungen mit Zahlen. So wie man eben Nähe schafft: Ganz natürlich, wie ein Roboter.

Letztlich lassen sich all diese Punkte zu einem zusammenfassen. Am Ende ist es das Wichtigste, dass Du Du selbst bist. 100% authentisch. Nur eben ohne Füllwörter. Die gehen gar nicht!

Und jetzt mal ehrlich …

Wenn ich so etwas sehe, dreht sich mir der Magen um.

In den Anfängen meiner Ausbildung zur Lehrtrainerin durfte ich selbst Zeugin davon werden, wie Teilnehmer*innen während des Präsentierens alles waren, nur eben nicht sie selbst. Ständig waberte der Wunsch nach authentischem Auftreten wie eine schwere Wolke durch den Raum. Paradoxerweise verwandten gleichzeitig alle ihre Energie darauf, unseren Trainier bis ins kleinste Detail zu imitieren. Alles von ihm abweichende schien unprofessionell, alles Imitierte hingegen wurde kommentiert mit „Das ist schon gut, aber, irgendwie bist das nicht so richtig Du“. (Ach was …) Mit Authentizität jedenfalls hatte das bei weitem nichts zu tun.

Der Schlüssel zum Erfolg

So gehemmt, wie die einzelnen Personen versuchten, auf der Bühne Inhalte zu reproduzieren, so ausgelassen schmissen sie wiederum in der Mittagspause mit Anekdoten um sich. Alle Teilnehmer*innen auf ihre ganz eigene, besondere Art und Weise. Für mich sind solche Situationen rückblickend die eigentlichen Schlüsselmomente meiner Lehrzeit.

Klar, ab einer gewissen Menge Füllwörter oder mit Schnappatmung gepaarter „Ähm‘s“ stellt sich auch bei mir die rhetorische Alarmbereitschaft ein. Dennoch bin ich der Auffassung, dass gewisse Makel uns überhaupt zu der Person machen, die wir sind. Damit meine ich Persönlichkeitsmerkmale und kleine Eigenheiten, die bei flüchtiger Beurteilung womöglich rhetorisch nicht einwandfrei erscheinen, die auf der persönlichen Ebene aber für Nähe und Wiedererkennungswert sorgen.

Wenn Du nicht der Typ für Hemden bist, trag ein Shirt unterm Sakko. Wenn Du auf Pfennigabsätzen keine zwei Meter weit kommst, greif zu trendigen Loafers.

Sprich Dialekt oder nutze Neologismen, nur sprich sie mit Deiner Stimme.

Die eine Geste, die sich immer wieder einschleicht, mach sie zu Deinem Merkmal.

Vergiss nicht, dass Du eine Botschaft hast, die Du Deinen Zuschauer*innen übermitteln möchtest. Mach Dir also Gedanken darüber, was Dich zum Reden prädestiniert. Nicht um Deinetwillen, sondern für sie.

 

Letztlich lassen sich all diese Punkte zu einem zusammenfassen. Am Ende ist es das Wichtigste, dass Du Du selbst bist. 100% authentisch. Meinetwegen auch mit Füllwörtern.

 

 

Beitragsbild ©TjinGwan

Trennungsgrund: Teamwork

Trennungsgrund: Teamwork

Geht’s Dir auch manchmal so, dass Du zwar ganz viel umsetzen möchtest, aber irgendwas hindert Dich daran, loszulegen? Genauso erwische ich mich vor einem Stück Papier sitzend, mit kreisenden Gedanken, gleich einem Geier, der auf einen schwachen Moment seiner Beute wartet. Blöd nur, wenn das angepeilte Objekt der Begierde so gar keine Anstalten macht, sich seinem Schicksal zu ergeben. Wenn das altersschwache Steppenzebra zum verspielten Wildpferd mutiert und meine Aufmerksamkeitsspanne sich damit der eines Eichhörnchens nähert.

Die Tatsache, dass es sich hier mehr um einen Beitrag zum Thema NRP® (Neuro Rhetorisches Programmieren) als um afrikanische Steppengleichnisse handeln sollte, verdeutlicht mein Dilemma. Der Fakt, dass ich weiterhin überlege, ob es wirklich afrikanische Steppen sind in denen … Ich denke, Du verstehst, was ich meine.

Seit ich denken kann, schreibe ich alles auf, was mir durch den Kopf geht. Auf diese Art habe ich für mich gelernt, rotierenden Gedanken eine Form zu verleihen. Indem ich meinen Gedanken Struktur gebe, indem ich sie zähme, schaffe ich in meinem Kopf den nötigen Freiraum, um sie loszulassen, sodass sie sich entfalten können. Das klingt zunächst wirr, ist aber ungemein befreiend – womit wir wieder bei den Wildpferden wären.

Spaß beiseite: Man könnte meinen, dass mein Spleen der schriftlichen Verarbeitung von Gedanken mir auch beruflich zugute kommt. Damit Geld zu verdienen ist doch eigentlich das Beste, was mir passieren konnte, oder etwa nicht? Ich will Dir veranschaulichen, weswegen:

 

Berufliches Schreiben

In Verbindung mit einer Themenvorgabe geraten meine Gedanken ins Stocken. Neben all den ungeordneten Informationen schwirren Dinge wie eine angemessene Ausdrucksweise oder inhaltliche Richtigkeit in meinem Kopf umher. Oh, und Grammatik, besonders Grammatik und nicht, weil sie mir so besonders liegt. So viel ist klar.

Der Verstand ist schnell dabei und hinterfragt schon während des Schreibprozesses Inhalte oder überdenkt mögliche Stilmittel wie beispielsweise „Geschichte in Geschichte“ oder mögliche Ringschlüsse. Noch während des Überfliegens der bereits geschriebenen Zeilen erwische ich mich dabei, wie einzelne, vermeintlich bessere Worte durch meinen Kopf sausen und darauf drängen, den Platz des davor geschriebenen Wortes einzunehmen. Meine Finger bewegen sich fortwährend zwischen Buchstabenfeld und Löschtaste. Klick, klick, klick – klack.

Genauso verhält es sich bei Rechtschreibfehlern und womöglich falscher Interpunktion (nicht, dass ich ernsthaft versiert auf diesem Gebiet wäre). Klick, klick – klack, klack.

Sei es eine rot oder blau unterlegte Linie, die mir einen Fehler unübersehbar aufs digitale Butterbrot schmiert oder der eigene von Word nicht einmal erkannte kleine Tipp-Fehler, der mich dazu zwingt in alter Monk-Manier mit meiner Konzentration an den vergangenen Zeilen zu verharren, den blinkenden Cursor mahnend im Augenwinkel. Klack.

 

Persönliches Schreiben

Ich möchte ehrlich zu Dir sein: Meistens denke ich nicht nach. Versteh mich bitte nicht falsch, es ist nicht so, dass mich das stört. Im Gegenteil, denn genau dann, wenn ich nicht nachdenke, laufe ich zu Höchstleistungen auf! Die Finger fliegen nur so über die Tastatur. Meist hebe ich währenddessen nicht einmal den Blick, um zu überprüfen, welche Spuren mein ungestümes Tippen auf dem Keyboard auf dem weiß strahlenden Bildschirmhintergrund hinterlässt. Man, ist das manches Mal ein Kauderwelsch, was mir im Anschluss entgegenschlägt! Jackson Pollock* wäre neidisch auf die zahlreichen Farbkleckse, die die schwarze Schrift in Form von Wellen und Linien kontrastieren. So schmaddert der eine Farbe auf unberührte Leinwände und die andere Wortgulasch auf digitale Projektionsfläche.

Dabei ist es die Freiheit, Kontrolle abzugeben, loszulassen und den vermeintlich unsinnigsten Gedanken Raum zu geben, die plötzlich ungeahnte Worte und Satzbauten durch meine Finger strömen lässt.

Jetzt sollte man meinen, dass spätestens in der Nachbearbeitung Unmengen Arbeit damit verbunden sind, um das paraphrasierende Gedanken-Karussel und die durch Interpunktion geprägte Ratio übereinzubringen. Und oh, wie gern würde ich an dieser Stelle mit Fleiß und Akribie protzen. Tatsache ist aber, dass das erwartete Chaos letztlich ausbleibt. Die ein oder andere Kommasetzung hier, ein wenig Buchstabentauschen da, gepaart mit der Erkenntnis, dass die Intuition letzten Endes doch der bessere Berater zu sein scheint.

 

Intuition 1:0 Verstand

Die gute Nachricht: Ich darf mich glücklich schätzen sowohl Intuition als auch Verstand als Anteile meiner Persönlichkeit zu wissen. Es könnte also schlimmer sein.

Die schlechte Nachricht: Von Teamwork halten diese Anteile nicht all zu viel.

Also grüble ich, wie ich die ungleichen Eigenschaften zur Zusammenarbeit bewegen kann.

Da ist die kreative Seite, die frei von der Leber weg Bauchgefühl in Worte fasst und so Gedanken Wiedererkennungswert verleiht und auf der anderen Seite die Logik, die vermeintliche Wortfetzen in Reih und Glied bringt.

Dabei fällt mir auf, dass die beiden sich gar nicht so unähnlich sind. Ziel des einen wie des anderen ist es, möglichst einen verständlichen schriftlichen Mehrwert für jedermann zu schaffen. Lediglich die Herangehensweise ist unterschiedlich.

Durch NLP (Neuro Linguistisches Programmieren) habe ich gelernt, jeden meiner Anteile für sich anzuerkennen und wertzuschätzen. Wobei „jeden … für sich“ in diesem Fall das Stichwort ist. Denn was, wenn die beiden gar nicht zusammenarbeiten müssen, sondern nacheinander viel effektiver ihr Potential entfalten?

 

Musik klopft durch die Kopfhörer meines Handys an mein Trommelfell und setzt mit sanften, wiederkehrenden Bassklängen wohlige Entspannung in jeder Faser meines Körpers frei. Getragen von der Melodie fließen Bilder, Töne und Empfindungen in Form von Buchstaben auf die Seiten meines Word-Dokuments. Die Finger fliegen nur so über die Tastatur.

Mit Ausschalten meiner Playlist wechsle ich von der samtigen Couch zum Schreibtischstuhl. Gewappnet mit einer Tasse Tee konzentriere ich mich auf die geschriebenen Worte, bringe Struktur in die Buchstabensuppe und merze Flüchtigkeitsfehler aus. Zufrieden setze ich sprichwörtlich den finalen Punkt. Klick, klick – klack, klack.

*Paul Jackson Pollock (* 28. Januar 1912 in CodyWyoming; † 11. August 1956 in East HamptonNew York) war ein US-amerikanischer Maler und ein bedeutender Vertreter des abstrakten Expressionismus der New York School.

Alles eine Sache der (Retro-)Perspektive

Alles eine Sache der (Retro-)Perspektive

Wie gerne neigen wir dazu, zu klassifizieren? Bei Dingen ist das oftmals relativ leicht und schnell in Form von Schwarz-Weiß-Denke abgetan. Bei Menschen wiederum sieht das schon wieder anders aus. Wird das unserem Gegenüber gerecht? Wahrscheinlich nicht. Neigen wir trotzdem dazu? Auf jeden Fall.

Vor allem im Bereich Persönlichkeitsentwicklung sprechen wir viel über Merkmale. Ist jemand eher introvertiert oder extrovertiert? Verhält er/sie sich eher personen- oder prozessbezogen? Haben wir es mit einem Kopf- oder einem Gefühlsmenschen zu tun? Schublade auf, Schublade zu.

Ich habe jemanden kennengelernt.

Wenn ich das so hervorhebe, muss ich schmunzeln, ist das doch eigentlich nichts Ungewöhnliches. Grad zu COVID-Zeiten lässt sich das dennoch vermutlich unter Rarität verbuchen. Aber zurück zum Thema: In unserem Kennenlernen ist über die Zeit eines für uns klar geworden:  Er ist ein Kopfmensch, der alles durchdenkt und keine gedankliche Option auslässt, ich bin ein Gefühlswesen, welches intuitiv Entschiedenes (er-)lebt.

Auf den ersten Blick klingt das einfach und herrlich definiert. In der Retrospektive hätte es also klar sein müssen, dass Himmel und Erde zwei unterschiedliche Welten bilden. Zumindest scheint das der Grund, weshalb dieser Mensch, trotz aller für uns sprechenden Optionen, die wenig Protestierenden als ausschlaggebend erachtete. So gehen wir getrennte Wege oder zumindest im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr Hand in Hand, in aller Freundschaft.

Freundschaft hin oder her, auch das will verarbeitet werden.

Wie ich das mache?

Mit doppeltem Salto und dreifacher Schraube stürze ich mich, wer hätte das gedacht, in meine Gefühlswelt. Von den Wogen der Musik meiner Spotify-Playlist getragen, tauche ich abwechselnd in das tosende Meer der Traurigkeit ein und reite auf den aufbrechenden Wellen des Optimismus. Unabhängig von farbenfroh skizzierten Metaphern bedeutet das im Grunde genommen, dass ich in mich reinspüre und jeglichen Impuls zulasse, der mir dabei entgegenschlägt.

Eine Freundin ruft morgens an, dass Schnee gefallen ist. Barfuß und nur mit einem langen Pullover bekleidet, laufe ich in den Garten, lausche dem Knistern des leicht angefrorenen Schnees unter meinen Füßen und fange Schneeflocken auf meiner Zunge. Ich lade mir „Hook“ im Streaming-Dienst herunter und sehe Robin Williams mit glitzernden Augen dabei zu, wie er sich der Leichtigkeit des Fliegens erinnert und kaufe im Supermarkt Trinkpäckchen, deren Ecken ich beim Schlürfen des Inhalts nostalgisch nach oben klappe, so wie meine Mutter es früher für mich getan hat. In meinen Ohren dabei die Kopfhörer, über die Hoffnungsklänge aus Disneyfilmen an mein Gehör dringen. Im sicheren Raum meiner warmen vier Wände tanze und singe ich dazu aus vollem Hals. Ich bin traurig und ängstlich, freudig und wütend zugleich.

Wie er das macht?

Abgeklärt sinniert er darüber, auch mal wieder meditieren zu müssen. In Pro- und Contra-Listen wägt er die Sinnhaftigkeit seiner Entscheidungen ab, beobachtet morgens die zarte Schicht Schnee auf seiner Terrasse und horcht dem Zwiespalt seiner Gedanken. „Wenn ich jetzt noch laufen gehe, sehe ich vielleicht noch etwas schneebedeckte Landschaft, bevor alles weggetaut ist.“

Zugänglich für jedermann auf Social Media beobachtet er im Laufe des Tages mein Tun. Auf dem Handydisplay erscheint, wie ich mit nackten Beinen durch den Schnee balanciere und ihm stellt sich die Frage: „Warum habe ich das nicht gemacht?“. Mit dem nächsten Schneefall erscheint in meinem Social Media Feed ein Bild von Barfuß-Spuren im Schnee. In Sprachnachrichten berichtet er mir freudig von seinem Erlebnis und teilt mir später mit, wie befreiend es ist, zu Disney-Songs durchs Haus zu rauschen, gefolgt von dem Bild eines Schneemanns mit der Aufforderung „Challenge!!!“ an mich gleichzuziehen.

Indes …

… Robbe ich gedankenfrei durch den Garten, fasse pappige Schneehaufen zu wohlgeformten Kugeln zusammen, errichte neben meiner Terrassentür eine stattliche Schneefrau und staffiere diese mit allerlei Deko, wie Kleid, Schmuck, Perücke und Klimperwimpern aus. Zufrieden mit „Olga“ und mir wate ich zurück in die warme Stube und belohne mich mit einer Tasse heißem Kakao. Auf meinem Handybildschirm blitzt eine Nachricht auf. Mir entgegen prangt das Bild eines Schneemanns, samt Hut und Sonnenbrille. Darunter die Bildbeschreibung „Challenge!!!“.

Meine Gefühle fahren Achterbahn. Ich bin ängstlich: „Wenn ich jetzt ein Bild von Olga mache, sieht es aus, als wäre ich auf die Aufforderung eingegangen.“ Und wütend: „Ich habe die Idee doch schon vor dem blöden Bild gehabt!“ Und traurig: „Bilder von Spuren im Schnee, gelöstes Singen, gelebtes Gefühl, … all das zeigt ER nach draußen. All das zeigt er dank MIR, nicht mit mir. All das sehen ANDERE Menschen. All das werden SIE erleben, dank MIR, mit IHM.“

Im Looping der Achterbahn gefangen, …

… Überschlagen sich meine Empfindungen unkontrolliert. Meine Gliedmaßen zittern, ein Kloß manifestiert sich in meinem Hals, unbewusst balle ich meine Hände zu Fäusten und Tränen steigen mir in die Augen. Als unvermittelt ein Gedanke mein inneres Karussell abrupt zum Halten bringt: „Jetzt seid mal still! Lasst den Typen doch frei sein. Nur weil er mit einem Mal sein Glück findet, heißt das doch nicht, dass unseres dadurch an Wert verliert. Wir müssen ihm nicht dabei zusehen, wie er glücklich ist, wir können die Perspektive wechseln und den Blick wieder auf das unsere lenken.“

Die plötzliche Erkenntnis, dass es nicht die Gefühle sind, sondern dass es mein Kopf ist, der sich hier bei mir meldet, erschüttert mich kurz und rüttelt mich gleichermaßen wach.

 

In unserem Auseinandergehen ist über die Zeit eines für mich klar geworden: Er ist nicht nur Kopfmensch, der alles durchdenkt und keine gedankliche Option auslässt, ich bin nicht nur Gefühlswesen, welches intuitiv Entschiedenes (er-)lebt. Auf den ersten Blick klingt das vielleicht schwierig und fürchterlich kompliziert. In der Prospektive ist klar, dass Himmel und Erde an einem Punkt zweier unterschiedlicher Welten in Verbindung treten.

Weil Du es Dir wert bist

Weil Du es Dir wert bist

Happy New Year, Happy New Me!

Nur zwei bis drei Kalenderblätter entfernt ist 2020 im Grunde bereits Geschichte. Die besinnliche Zeit ist passé und damit auch die Tage der präsilvesterlichen Selbstreflektion. Die ist wichtig, wenn Du vorankommen möchtest. Erstes Gebot: „Zufriedenheit bedeutet Stillstand!“ Zeit also, in die Umsetzung zu kommen. Ein Hoch auf die Persönlichkeitsentwicklung! 2021 wird DEIN Jahr!

Bei all dem Enthusiasmus stellst Du Dir über kurz oder lang folgende Frage: Bin ich eigentlich genug?

Du, mein/e Liebe/r, bist (für schlappe 99,- € Spitzen-Rabatt-Preis) ein (verdammtes) Geschenk für die Welt! So oder so ähnlich startest Du nämlich Deine ganz eigene Heldenreise mit direktem Steuer auf den Strudel der persönlichen Optimierung.

Ein Strudel ist ein Wirbel oder eine Stelle, an der sich das Wasser oder eine andere Flüssigkeit in einer kreis- oder spiralförmigen Bewegung nach unten bewegt, wobei sich in der Mitte eine trichterförmige Vertiefung bilden kann. Norddeutsch wird ein Strudel mit starker Gegenströmung auch eine Neer genannt. (Quelle: Wikipedia.org)

Eine Neer aus übermotivierten Menschen, die sich fortwährend befleißigen, die beste, aber wirklich allerbeste (!) Version ihrer selbst zu sein. Und Du mittendrin.  Gut, dass es große Hallen gibt. Da können sich Gleichgesinnte treffen und gemeinsam bei Discobeleuchtung springen und klatschen. Um 11 Uhr vormittags. Das macht man so, wenn man zufrieden ist, mit sich und der Welt. Grade so zufrieden zumindest, um nicht stillzustehen.

„… Jeder einzelne von euch könnte jetzt auch da draußen in der Sonne baden … Aber DU hast Dich für DICH entschieden …“ … und für zu dicht gedrängte Körper … und verschwitzte Gruppenumarmungen.

Free Hugs im Eingangsbereich sind nichts für Dich? Halb so wild, Du bist vielleicht noch nicht soweit. Spätestens zum überteuerten Mittags-Catering steht Dein Herz offen. Zum Kaffee erfährst Du die exorbitante Kraft des 4-minütigen Augenkontakts mit einem absolut Fremden und das tosende Finale bilden drei Dutzend Wasserbälle und ein übersteuerter Shakira-Song, zu dem Du Dein inneres Kind mal so richtig von der Leine lassen kannst. Mit dem hast Du Dich jetzt nämlich connected. Bis Montagvormittag.

Zum Glück wirst Du vorgewarnt, dass da draußen lauter Entwicklungsresistente warten, die sich an Deinem Scheitern laben. Jetzt, wo Du voller Euphorie bist und Dir die Welt offensteht. Dass das aber auch keiner versteht. Also aus Deinem Umfeld. Vielleicht gehst Du einfach zu noch einem Event. Schließlich bist Du der Durchschnitt der fünf Menschen mit denen Du Dich umgibst … und da sind mindestens 800. Im Gleichklang klatscht es sich auch schöner.

Klingt zynisch? Zynisch ist, wenn Du Dich fragst, warum Du 17 Veranstaltungen und 7.268,- € später immer noch in Reihe drei, Gang B stehst und in der Pause grinsend Visitenkarten mit Menschen tauschst, die Du aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersiehst. Wenn Du realisierst, dass es nicht die „Diamanten“ und schon gar nicht die „Superstars“ sind, die im Pulk dem überbezahlten Animateur huldigen. Wenn Du siehst wie ein Freund neben Dir genau dieser Erkenntnis wegen in Tränen ausbricht. Das ist zynisch.

In der Welt da draußen warten abertausende Abenteuer darauf gelebt zu werden und mit jeder Minute in einer dieser Hallen stirbt irgendwo ein kleines Stück (ungelebte) Geschichte. Discobeleuchtung hin oder her, Ängste werden nicht in großen Hallen besiegt. Schieb die Ärmel hoch und nimm Dein Leben in die Hand! Schreib Deinen eigenen Soundtrack! Und wenn das bedeutet mit Freunden „da draußen in der Sonne (zu) baden … Aber DU hast Dich für DICH entschieden.“

 

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Es gibt keinen besseren Moment als jetzt

Es gibt keinen besseren Moment als jetzt

„… Wünschen wir Ihnen eine ruhige und besinnliche Weihnachtszeit im Kreise Ihrer Lieben, lese ich auf der alljährlichen Weihnachtskarte einer meiner Geschäftspartner. Ich muss schmunzeln. Alle Jahre wieder kommt mir diese Floskel banal und abgedroschen vor. Dennoch trifft sie, vor allem in diesem besonderen Jahr, den Nagel auf den Kopf.

In ruhigen Momenten sinniere ich darüber, wie Weihnachten und Silvester bei mir in den letzten Jahre ausgesehen haben: Als Kind einer heutzutage längst nicht mehr unüblichen Patchwork-Familie bin ich es gewohnt, eher „Fröhliche Weihnacht überall“ anstelle von „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu zelebrieren. So darf ich mich glücklich schätzen, sehr viele Menschen um mich zu wissen, denen ich, grade zur Weihnachtszeit, meine Zeit schenken möchte. Das bedarf vor allem zweier Dinge: Guter Organisation und Kaffee. Jeder Menge Kaffee. Den Coffee-to-go-Becher fest mit der linken Hand umklammert ,fahre ich zu meiner Mutter, den diesseitigen Großeltern, anschließend zu meinem Vater, klappere meine Geschwister ab, Neffen und Nichten will ein Besuch abgestattet werden, die Schwiegereltern dürfen nicht außen vor bleiben und auch Schwager und Schwägerinnen planen ein großes Beisammensein. Dazu noch ein Treffen mit den besten Freunden, die herrlich nostalgisch einen Teil der Feiertage in „der alten Heimat“ verbringen und dazwischen fünfundvierzig Festtagsgrüße, die ich, möglichst individuell gestaltet und personalisiert, per WhatsApp an alle weiteren Freunde und Bekannte versende. Schließlich ist Weihnachten, hier wird niemand zurückgelassen.

Bei all dem Trubel klingt es mir in den Ohren: „Es ist doch schön, wenn wir alle mal wieder zusammenkommen. Das macht man ja sonst so selten.“ Schön, das ist es, keine Frage.

Dennoch bleibt eine traurige Wahrheit: Während ich versuche, all den lieben Menschen in meinem Leben (und seien wir ehrlich, dabei vor allem meinen eigenen Ansprüchen) gerecht zu werden, indem ich zwischen Adventskaffee, Weihnachtsbrunch und Raclette von A nach B hetze, verbringe ich im Grund die meiste Zeit an einem ganz anderen Ort – in meinem Auto. Einen Großteil der Strecken alleine, einige Fahrten gemeinsam mit meinem Mann und wenige Routen mit Teilen der Familie, die wir „vielleicht doch noch einsammeln müssen“. Eines aber hat jede Autofahrt gemein: Meistens auf den letzten Drücker, die Zeit mit jedem Blick in den Rückspiegel ein Stück weit näher im Nacken.

Spät abends, hinter verschlossener Haustür, bin ich zwar jedes Mal freudig, alle gesehen zu haben, vor allem aber erschöpft und müde, gedanklich bereits den Zeitplan für den Folgetag durchgehend und sehne mich nach meinem Bett. Einerseits bin ich stolz, vor Ort in lächelnde Gesichter geblickt zu haben, andererseits schwingen Sätze in mir fort wie „Musst du denn wirklich schon wieder gehen?“, oder „Vielleicht hast du ja beim nächsten Mal ein bisschen mehr Zeit … “

Taten sagen mehr als Worte. So weit so gutdenke ich, schließlich bemühe ich mich, allen zu zeigen, wie viel sie mir bedeuten, indem ich von Weihnachten bis Neujahr durch halb Deutschland kurve. Dumm nur, wenn sich rausstellt, dass die eigentliche Tat darin besteht, nie den presenten Moment mit den mir wichtigsten Menschen zu genießen, sondern gedanklich immer schon wieder den Fuß aufs Gaspedal zu setzen, um verlorene Minuten einzuholen. Wenn das Getane bedeutet, den Liebsten nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie es wert sind zu erhalten und wenn der Zeitdruck keinen Raum für die wirklich bedeutsamen Worte lässt.

Weihnachten und Silvester sind dieses Jahr anders. 

Es sind nicht nur Gesetzesauflagen, die uns Corona bedingt bereits in der Vorweihnachtszeit einen Strich durch die Rechnung machen, es sind auch die Ängste unserer Mitmenschen, die ein Beisammensein erschweren. Der Zugewinn, den ich in der Vorweihnachtszeit daraus ziehe ist Zeit. In aller Ruhe verbringe ich die sonst so geschäftigen Tage damit, Plätzchen zu backen und Kekstütchen zu packen. Mit Stoffen und Textilmarkern kreiere ich persönliche Weihnachtspräsente. Außerdem genieße ich dieRuhe, Grußkarten selbst zu basteln, nahezu meditativ mit Aquarellstiften über den Karton zu streifen und die kleinen Kunstwerke abschließend, jedes für sich, zugeschnitten auf den/die Empfänger/in zu verzieren. Rechtzeitig abgeschickt finden die Geschenke ganz entspannt per Post ihren Weg zu meinen Liebsten. Im Schein des Weihnachtsbaumlichts, bei Keksen und einer Tasse Tee führe ich währenddessen die schönsten Telefongespräche mit Freunden und Familie. Wir reden darüber, wie es uns geht und was uns derzeit bewegt. Wir teilen einander mit, wie sehr wir das Beisammensein vermissen und dass wir uns gegenseitig brauchen. Dinge, für die es das erste Mal Zeit zu geben scheint.

Die Feiertage verbringe ich schließlich mit meinen Eltern. Wir sitzen gemeinsam am Esstisch, spielen in gemütlicher Runde bei Snacks und Getränken Karten, lümmeln auf der Couch und tauschen neben Geschenken Erinnerungen und Geschichten unterm Weihnachtsbaum aus. Zurück in meine vier Wände fahre ich, wenn die letzte Kerze ausgebrannt, das letzte Plätzchen gegessen und der letzte heiße Kakao getrunken ist.

Dieses Jahr lasse ich Taten sprechen, ohne dabei Worte einzubüßen.

2020 ist deutlicher denn je, wie wichtig gesunde, aufrichtige Kommunikation ist, gegenüber anderen genauso wie dir selbst. Dabei ist nicht nur von Bedeutung, was wir zueinander sagen, es geht auch darum, wie wir miteinander sprechen, darum einander Raum zu geben. Es geht darum, sich gegenseitig wahrzunehmen, dein Gegenüber zu sehen und damit zu respektieren. Zurückblicken, nichts anderes bedeutet das aus dem Latein kommende „respectare“. Und egal, wie sich das diesjährige Weihnachtsfest oder der Jahreswechsel für dich gestalten, ob du es in kleiner Runde mit Familie oder Freunden zelebrierst, ob du zweisam unterm Tannenbaum Geschenke öffnest oder ob du mit dem wichtigsten Menschen der Welt, mit dir selbst, Wunderkerzen entzündest, gib dir und deinen Mitmenschen den Raum, den ihr verdient.

 Es gibt keinen besseren Moment als jetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lockdown (Schatten der Leidenschaft)

Lockdown (Schatten der Leidenschaft)

Lockdown – ein kleines Wort, das gut und gerne als Titel einer Netflix-Produktion herhalten könnte. Augenscheinlich geht es um Regierungsbeschlüsse, das Regime, welches mehr oder minder willkürlich über Offenbleiben und Schließung von Pforten entscheidet und um Grundrechte, deren vermeintliche Beschneidung auf einer Vielzahl von Kanälen debattiert wird.

Alles Rahmenbedingungen, die reichlich Futter für postapokalyptische Szenarien bieten, wenn auch nur an der Oberfläche kratzend. Umstände, die mit all ihrer brachialen Gegenwärtigkeit dennoch eine Kulisse für viel tiefgehendere unter der äußeren Haut wabernde (Bild-)Sequenzen schaffen. Denn während die Schließung der Pforten in aller Munde ist, so ist doch die viel wichtigere Frage: Was spielt sich dahinter ab? Wie gestaltet sich das Leben hinter den Türen? Was geht in den Köpfen vor sich?

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Von den ersten wolkengedimmten Strahlen der Herbstsonne geküsst vergrabe ich mich, leichte Gänsehaut an den Beinen, noch einmal tiefer in meiner Bettdecke. Die Beziehung zu meinem Wecker ist von Ignoranz durchzogen, nichtsdestotrotz streckt er mir, wohlmöglich genau deswegen, höhnisch sein auf halb acht nahezu eingefrorenes Ziffernblatt entgegen. Diese Momentaufnahme entbehrt nicht einer gewissen Ironie, in Anbetracht der im Normalfall wiederkehrend gedrückten Snooze-Taste. So sehr ich mich im Alltäglichen über die frühen Morgenstunden ob des mir bevorstehenden Tages freue, so quälend zähle ich in meinem Kopf bereits die Stunden, die es braucht, bis ich mich halbwegs guten Gewissens mit einem viel zu kalorienlastigen Essen wieder auf der Couch einbetten kann. Witzig, normalerweise ist es andersrum. Relevant sind sonst die rar gesäten übrigen Stunden Schlaf, bevor ich in den neuen mit Aktivitäten gespickten Tag starte.

Mit müden Knochen schlurfe ich gen Küche, um den Tag mit frisch gebrühtem Kaffee zu starten. Gewisse Routinen sind es schließlich wert gepflegt zu werden. Findet meine Mutter übrigens auch. Während ich Frühstück zubereite, ruft sie mich bereits auf dem Handy an. „… Zumindest bist du schon aufgestanden. Reiß dich bitte zusammen, irgendwann arbeitest du wieder voll!“, schwingt es vorwurfsvoll aus ihrer Stimme. Ich seufze: „Mama, es ist Tag eins!“, wohlwissentlich, dass Argumente in diesem Fall wirkungslos sind. Diverse Appelle und eine Vielzahl gut gemeinter Ratschläge später räume ich schweren Schrittes den Tisch ab und überlege mir, wie ich den Tag weiter bestreite.

Ich zupfe einige Minuten unbehände an meiner Gitarre, bis der Anruf meiner Cousine mich (und die Nachbarn) von meinen dilettantischen Spielversuchen erlöst. Wir reden viel und lange. Vor allem darüber, was die „aktuelle Zeit“, wie Corona so oft sprachlich umschifft wird, mit uns macht und welche Gefühle das freisetzt. Immer wieder betonen wir, dass wir natürlich auf total hohem Niveau jammern und es uns eigentlich super geht. Gerade auch mit der freien Zeit, die man schließlich sonst nicht hat und die man jetzt richtig schön zum Runterkommen nutzen kann. Das rede ich mir auch später noch ein, während ich eine Runde Skateboard fahre, das gefühlt 25ste Essen versalze (weil ich bereits im ersten Lockdown keinen Zugang zu meinem inneren Tim Mälzer gefunden habe), während ich bei lauter Musik durch die Wohnung tanze, während ich mich davon ablenke, mir Zeilen für diesen Blogbeitrag zu überlegen, während ich Handstand an meiner Flurwand übe, während ich mich selbst davon abhalte, die Wohnung zu putzen, während ich jogge, um meine Gedanken zu ordnen und während ich überlege, was ich eigentlich alles kann. Ich denke daran, während ich mir die Frage stelle: In welche Leidenschaft könnte ich mich reinstürzen?

Die ernüchternde Wahrheit: Ich weiß es nicht. Das hat weniger mit einem angeknacksten Selbstbewusstsein oder einer verspäteten Quarterlife Crisis zu tun, als es jetzt vielleicht wirkt. Ich beobachte die Menschen in meinem Umfeld und stelle fest, wie sie in ihren Leidenschaften aufgehen. Der eine verbringt Stunden damitsich mit Musikinstrumenten auseinanderzusetzen, der nächste ist kaum vom PC wegzukriegen und tüftelt an Videoprogrammen und wieder eine andere versinkt in Bergen von Literatur oder genießt es, ihren Körper gefühlt 24/7 mit Sport zu betätigen, nur so – aus Leidenschaft. Nichts von all dem kann ich mir auf die Fahne schreiben. Meine Aufmerksamkeitsspanne bezüglich Hobbies gleicht der eines Eichhörnchens. Viel zu viel gibt es, was mich begeistert und ausprobiert werden will. Es gibt nicht DIESES EINE GROßE DING, schon gar keines, das sichtbaren Mehrwert generiert. Meine Leidenschaft ist meine Arbeit und das wiederum sind Menschen und Kommunikation, am besten aus nächster Nähe. Mit Menschen zusammen sein, darin bin ich gut. Ich kann gut Kontakte knüpfen, Menschen miteinander verbinden, bin super darin unterwegs zu sein, anderen etwas beizubringen, sie zum Lachen zu bringen oder ihnen ihre persönlichen Stärken aufzuzeigen. Das ist meine Arbeit und ja, vielleicht habe ich damit auch eine Leidenschaft und vielleicht kann ich sogar was, nur eben leider nicht allein.

„… Zumindest bist du schon aufgestanden. Reiß dich bitte zusammen, irgendwann arbeitest du wieder voll!“, erwischt mich erneut, diesmal aus meinem Hinterkopf klingend, die Stimme meiner Mutter. Wenn ich mich konzentriere, verliert der vorwurfsvolle Unterton an Intensität, mit ein bisschen Fantasie klingt daraus sogar ein wenig Motivation. Weiß ich deshalb wie ich meine Passion zu etwas im Jetzt Sinnbringendem für mich transformieren kann? Noch lange nicht. Immerhin sitze ich schon einmal hier und tippe aus all dem Gedankenwust einen Blogbeitrag. Das Kochbuch tausche ich gegen die Speisenkarte des nächstgelegenen Lieferdienstes ein, so haben wir beide was davon. Ich gehe nochmal joggen, um meine Gedanken zu ordnen. Während ich tanzend Wäsche sortiere, klingt aus meinen Kopfhörern „Systemrelevant – Ein Mini Musical von zu Hause“(Link). Im Gegensatz zu den Darstellern kann ich nicht einmal singen, aber wisst ihr was? Meine Bühne hol ich mir trotzdem zurück! Wie? Keine Ahnung. Aber bis ich es herausgefunden habe, findet ihr mich im Flur – Handstand üben.

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Lockdown – ein kleines Wort, das gut und gerne als Titel einer Netflix-Produktion herhalten könnte. Unabhängig davon was hinter verschlossenen Türen, abseits von öffentlichen Einrichtungen und Seminarräumen in den einzelnen Köpfen vor sich geht, haben all die inneren Dialoge doch eins gemeinsam: Sie alle bedeuten Kommunikation. Und die ist bekanntlich der Schlüssel zum Erfolg.