Eine der mir am häufigsten begegnenden Fragen im Bezug auf Sprachmagie lautet:
„Wofür machst Du eigentlich diese Rhetorik-Geschichte?“.

Zur Beantwortung dieser Frage sollten wir zunächst einmal darüber sprechen, was der Begriff Rhetorik bedeutet. Im Duden findest Du als erste Definition kurz und prägnant den Begriff „Redekunst“. Bedeutet das jetzt, Rhetorik ist Kunst oder kann das weg?
Zäumen wir das Pferd doch einfach mal von der anderen Seite auf. Frag Dich bitte selbst einmal:

Wann und wie oft reden wir?

 

Ich gebe zu, für den unwahrscheinlichen Fall, dass Du ein Schweigegelübde abgelegt hast, findet die Unterhaltung an dieser Stelle ein Ende. Gemäß diesen Falls schau nochmal hier vorbei (Link) – ein bisschen Text, noch mehr Inhalt und ganz ohne Geschwafel.
Solltest Du hingegen zur Sparte der aktiv kommunikativ am Leben Teilnehmenden gehören, dann beantwortet sich die obige Frage wahrscheinlich wie von selbst. Wann und wie oft reden wir? Immer. Fast immer.

Wir erteilen technischen Geräten Befehle (Blogbeitrag: Du bist der Durchschnitt), tauschen uns vermeintlich beiläufig mit Begegnungen aus (Blogbeitrag Smalltalk), tratschen uns durch die Kaffeeküchen, argumentieren uns durch Meetings und Verhandlungen, manövrieren uns sprachlich durch heikle Situationen und selbst im Stillen diskutieren Engelchen und Teufelchen mit dem Schlagabtausch eines Wembley-Turniers von der rechten zur linken Schulter.
Fast immer, das ist gar nicht mal so selten.

Was genau ist es, das uns dazu bringt (so viel) zu reden?

Die Zukunft ist „smart“

Ich habe mich lange gewehrt, aber nun hat er auch bei mir Einzug gehalten, der Smart Speaker. Um es direkt vorwegzunehmen, die ganzen „Endlich gibt mal keiner Widerworte“-Witze darf ich hiermit ohne Umschweife aus der Welt schaffen. Manch einer mag es auf eine nicht ganz lückenlose Internetverbindung schieben, so oder so hört das Teil meines Erachtens nach maximal so gut wie ein 5-jähriges Kind, das den Eiswagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ins Auge gefasst hat. Nicht einmal nach dem obligatorischen Reden mit einem Korken zwischen den Zähnen während eines Rhetorikseminars bemühe ich mich um eine so krampfhaft deutliche Artikulation, wie wenn ich dem kugelförmigen Lautsprecher angespannt Befehle entgegenraune. Und wofür das alles?

Damit er mir das Leben erleichtert. Damit Musik aus den Boxen erklingt, die meine Gefühlslage unterstreicht – meist zuerst Ludovico Einaudi, nach vergeblichem Kampf gegen die Technik dann doch eher Papa Roach. Damit atmosphärisch Musik durch meine Räumlichkeiten vibriert.

Man sieht sich immer zweimal im Leben

Beim Schlendern durch die Fußgängerzone treffe ich das ein oder andere Mal auf flüchtige Bekanntschaften. Wir grüßen uns freundlich und hin und wieder, beim wöchentlichen Gang über den Markt, entstehen seichte Unterhaltungen, Small Talk. Das kann der Handwerker von nebenan sein, die Postbotin oder die ein oder anderen Kund*innen seitens der Firma, in der ich den Großteil meiner Zeit arbeite. Wir reden über Gott und die Welt, darüber, dass das Wetter letztes Jahr um diese Zeit um Längen sonniger war und dass es dem Nachbarshund seit Umstellung seines Futters so viel besser geht. Aber weshalb all diese Gespräche?

Weil auch oberflächliches Geplänkel Zugehörigkeit schafft. Weil man sich immer zweimal im Leben sieht. Weil es am Ende des Tages Bruchteile eines ereignisreichen Wochenendes sind.

Zusammen ist man weniger allein

Manchmal erwische ich mich dabei, die dritte Stunde in Folge fast regungslos vor dem Computer-Bildschirm zu verharren. Kopf und Finger bilden schon lange keine Einheit mehr und mein innerliches Notstromaggregat stellt auf Autopilot um, der dafür sorgt, dass meine Füße den Weg in die betriebliche Cafeteria finden, im Gepäck den leeren Kaffeebecher. Nachdem Zahlen, Daten und Fakten mit Übertreten der Schwelle meines Büros aus meinem Kopf ausradiert werden, ist Platz für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Mit ähnlich nach Energie lechzenden Mitstreiter*innen feiere ich am hochgelobten Vollautomaten kurzzeitig Wiedervereinigung. Es wird debattiert, welche Mitarbeiter*innen allein diese Woche das wievielte Zalando-Paket in die Firma geliefert bekommen haben und wie wir Werbemittel im Falle einer Apokalypse zum Verteidigen unserer Aufständischen-Burg einsetzen würden. Und wozu der Nonsens?

Um die Gedanken mal Gedanken sein zu lassen. Um in all dem Einzelkämpfertum ein Stück Gemeinschaft zu behalten. Um den Kopf wieder für die inhaltsschweren Dinge freizumachen.

Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt

Immer wieder ploppen in meinem Mailkalender Termine auf, die ich gerne umgehen würde. Sie entscheiden über Projektpläne, Werdegänge, Budgetausschöpfungen und so vieles mehr: Meetings und Verhandlungen.
Ein bisschen ist es wie mit der Rückgabe des schon viel zu lange behaltenen Buchs aus der Stadtbücherei. Du kannst die Mahnung zwar ignorieren, am Ende zahlst du allerdings drauf. Ich spreche da aus Erfahrung. Damit ich im Nachhinein keine Einbußen habe, wälze ich also vor einem Meeting Unterlagen auf unabdingbare Inhalte, markiere mit Textmarkern wichtige Ansätze und bereite meine Notizen vor. Jedes Wort will zielgenau positioniert, jeder Fakt auf dem Silbertablett präsentiert und jedes Argument messerscharf auf den Punkt gebracht werden. Aber weshalb der Aufwand?

Dafür, dass Überzeugungen auf fruchtbaren Boden fallen. Dafür, dass Visionen eine echte Chance zugrunde liegt. Dafür, dass Meinungen, egal von welcher Position aus, Gehör finden.

Worte sind mehr als nur Sprache

Nicht nur, aber doch häufiger zu den damals wilden Discozeiten – sowas wollte ich schon immer einmal mit dem unironischen Unterton einer 72-jährigen sagen – fand ich mich leider auch ab und an unfreiwillig in Situationen wieder, die rückblickend für meinen Geschmack weniger Gefahrenpotential hätten bergen dürfen. Nebenstraßen, die zu wenig beleuchtet waren, Mitmenschen, die dem Alkohol ein wenig zu nahestanden oder der Ansicht waren, lange blonde Haare in Verbindung mit Wimperntusche und Lippenstift seien gleichbedeutend mit mangelnder Meinungsfreiheit. In solchen Momenten waren Worte mir oftmals mehr Rüstung als der in der Faust gehaltene Haustürschlüssel. Und wofür all das?

Um der Angst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Um mit Worten zu entschärfen, was Taten zur Explosion bringen würden. Um mit Witz der Realität die Bedrohlichkeit zu nehmen.

Das innere Team

Es gibt Tage, da bin ich mir selbst zu viel. Eine Seite in mir will die Stille genießen, die andere schreit nach Aufmerksamkeit. Teile meiner Persönlichkeit wünschen sich einen gesunden, ausgewogenen Lebensstil und wieder andere lechzen nach fettigem Essen und ausschweifenden Abenden bei kalorienlastigen Longdrinks. Es hat ein bisschen was von Seilziehen, wie früher bei Kinderferienprogrammen. Auf der linken Schulter zieht das Engelchen wohlartikuliert am geflochtenen Nervenstrang, während das Teufelchen auf der rechten Seite unter schnoddrigen Wortneuschöpfungen bereits eine Schlaufe aus dem Ende des Stricks formt. In meinem Kopf finden Diskussionen statt, deren Argumentationen aus einer Kreativwerkstatt entspringen könnten. Aber wozu das Hin und Her?

Damit der innere Kompass sich immer wieder neu ausrichtet. Damit Entscheidungen aus allen Blickwinkeln getroffen werden. Damit jede Stimme für sich Gehör findet.

Wenn wir reden, ob mit anderen oder mit uns selbst, dann tun wir das vor allem einer Sache wegen: Aus einem Grund.

 

Nicht immer ist dieser auf den ersten Blick erkennbar und dennoch führt alles, was Du sagst zu irgendetwas (für Dich) hin. Es ist (persönlich) wichtig. Ansonsten müsste es nicht gesagt werden.
Rhetorik steckt in jedem Wort. Sie steckt in Gesten, in Stimmmelodien, in Haltung und sie steckt im Blick. Wenn Du zu mir sprichst, zeigst Du mir auf, was Dir wichtig ist. Und wenn ich antworte, sollst Du spüren, dass mir das wichtig ist.

 Wenn ich also gefragt werde: „Wofür machst Du eigentlich diese Rhetorik-Geschichte?“, kann ich guten Gewissens sagen: „Aus Gründen.“