Lockdown – ein kleines Wort, das gut und gerne als Titel einer Netflix-Produktion herhalten könnte. Augenscheinlich geht es um Regierungsbeschlüsse, das Regime, welches mehr oder minder willkürlich über Offenbleiben und Schließung von Pforten entscheidet und um Grundrechte, deren vermeintliche Beschneidung auf einer Vielzahl von Kanälen debattiert wird.

Alles Rahmenbedingungen, die reichlich Futter für postapokalyptische Szenarien bieten, wenn auch nur an der Oberfläche kratzend. Umstände, die mit all ihrer brachialen Gegenwärtigkeit dennoch eine Kulisse für viel tiefgehendere unter der äußeren Haut wabernde (Bild-)Sequenzen schaffen. Denn während die Schließung der Pforten in aller Munde ist, so ist doch die viel wichtigere Frage: Was spielt sich dahinter ab? Wie gestaltet sich das Leben hinter den Türen? Was geht in den Köpfen vor sich?

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Von den ersten wolkengedimmten Strahlen der Herbstsonne geküsst vergrabe ich mich, leichte Gänsehaut an den Beinen, noch einmal tiefer in meiner Bettdecke. Die Beziehung zu meinem Wecker ist von Ignoranz durchzogen, nichtsdestotrotz streckt er mir, wohlmöglich genau deswegen, höhnisch sein auf halb acht nahezu eingefrorenes Ziffernblatt entgegen. Diese Momentaufnahme entbehrt nicht einer gewissen Ironie, in Anbetracht der im Normalfall wiederkehrend gedrückten Snooze-Taste. So sehr ich mich im Alltäglichen über die frühen Morgenstunden ob des mir bevorstehenden Tages freue, so quälend zähle ich in meinem Kopf bereits die Stunden, die es braucht, bis ich mich halbwegs guten Gewissens mit einem viel zu kalorienlastigen Essen wieder auf der Couch einbetten kann. Witzig, normalerweise ist es andersrum. Relevant sind sonst die rar gesäten übrigen Stunden Schlaf, bevor ich in den neuen mit Aktivitäten gespickten Tag starte.

Mit müden Knochen schlurfe ich gen Küche, um den Tag mit frisch gebrühtem Kaffee zu starten. Gewisse Routinen sind es schließlich wert gepflegt zu werden. Findet meine Mutter übrigens auch. Während ich Frühstück zubereite, ruft sie mich bereits auf dem Handy an. „… Zumindest bist du schon aufgestanden. Reiß dich bitte zusammen, irgendwann arbeitest du wieder voll!“, schwingt es vorwurfsvoll aus ihrer Stimme. Ich seufze: „Mama, es ist Tag eins!“, wohlwissentlich, dass Argumente in diesem Fall wirkungslos sind. Diverse Appelle und eine Vielzahl gut gemeinter Ratschläge später räume ich schweren Schrittes den Tisch ab und überlege mir, wie ich den Tag weiter bestreite.

Ich zupfe einige Minuten unbehände an meiner Gitarre, bis der Anruf meiner Cousine mich (und die Nachbarn) von meinen dilettantischen Spielversuchen erlöst. Wir reden viel und lange. Vor allem darüber, was die „aktuelle Zeit“, wie Corona so oft sprachlich umschifft wird, mit uns macht und welche Gefühle das freisetzt. Immer wieder betonen wir, dass wir natürlich auf total hohem Niveau jammern und es uns eigentlich super geht. Gerade auch mit der freien Zeit, die man schließlich sonst nicht hat und die man jetzt richtig schön zum Runterkommen nutzen kann. Das rede ich mir auch später noch ein, während ich eine Runde Skateboard fahre, das gefühlt 25ste Essen versalze (weil ich bereits im ersten Lockdown keinen Zugang zu meinem inneren Tim Mälzer gefunden habe), während ich bei lauter Musik durch die Wohnung tanze, während ich mich davon ablenke, mir Zeilen für diesen Blogbeitrag zu überlegen, während ich Handstand an meiner Flurwand übe, während ich mich selbst davon abhalte, die Wohnung zu putzen, während ich jogge, um meine Gedanken zu ordnen und während ich überlege, was ich eigentlich alles kann. Ich denke daran, während ich mir die Frage stelle: In welche Leidenschaft könnte ich mich reinstürzen?

Die ernüchternde Wahrheit: Ich weiß es nicht. Das hat weniger mit einem angeknacksten Selbstbewusstsein oder einer verspäteten Quarterlife Crisis zu tun, als es jetzt vielleicht wirkt. Ich beobachte die Menschen in meinem Umfeld und stelle fest, wie sie in ihren Leidenschaften aufgehen. Der eine verbringt Stunden damitsich mit Musikinstrumenten auseinanderzusetzen, der nächste ist kaum vom PC wegzukriegen und tüftelt an Videoprogrammen und wieder eine andere versinkt in Bergen von Literatur oder genießt es, ihren Körper gefühlt 24/7 mit Sport zu betätigen, nur so – aus Leidenschaft. Nichts von all dem kann ich mir auf die Fahne schreiben. Meine Aufmerksamkeitsspanne bezüglich Hobbies gleicht der eines Eichhörnchens. Viel zu viel gibt es, was mich begeistert und ausprobiert werden will. Es gibt nicht DIESES EINE GROßE DING, schon gar keines, das sichtbaren Mehrwert generiert. Meine Leidenschaft ist meine Arbeit und das wiederum sind Menschen und Kommunikation, am besten aus nächster Nähe. Mit Menschen zusammen sein, darin bin ich gut. Ich kann gut Kontakte knüpfen, Menschen miteinander verbinden, bin super darin unterwegs zu sein, anderen etwas beizubringen, sie zum Lachen zu bringen oder ihnen ihre persönlichen Stärken aufzuzeigen. Das ist meine Arbeit und ja, vielleicht habe ich damit auch eine Leidenschaft und vielleicht kann ich sogar was, nur eben leider nicht allein.

„… Zumindest bist du schon aufgestanden. Reiß dich bitte zusammen, irgendwann arbeitest du wieder voll!“, erwischt mich erneut, diesmal aus meinem Hinterkopf klingend, die Stimme meiner Mutter. Wenn ich mich konzentriere, verliert der vorwurfsvolle Unterton an Intensität, mit ein bisschen Fantasie klingt daraus sogar ein wenig Motivation. Weiß ich deshalb wie ich meine Passion zu etwas im Jetzt Sinnbringendem für mich transformieren kann? Noch lange nicht. Immerhin sitze ich schon einmal hier und tippe aus all dem Gedankenwust einen Blogbeitrag. Das Kochbuch tausche ich gegen die Speisenkarte des nächstgelegenen Lieferdienstes ein, so haben wir beide was davon. Ich gehe nochmal joggen, um meine Gedanken zu ordnen. Während ich tanzend Wäsche sortiere, klingt aus meinen Kopfhörern „Systemrelevant – Ein Mini Musical von zu Hause“(Link). Im Gegensatz zu den Darstellern kann ich nicht einmal singen, aber wisst ihr was? Meine Bühne hol ich mir trotzdem zurück! Wie? Keine Ahnung. Aber bis ich es herausgefunden habe, findet ihr mich im Flur – Handstand üben.

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Lockdown – ein kleines Wort, das gut und gerne als Titel einer Netflix-Produktion herhalten könnte. Unabhängig davon was hinter verschlossenen Türen, abseits von öffentlichen Einrichtungen und Seminarräumen in den einzelnen Köpfen vor sich geht, haben all die inneren Dialoge doch eins gemeinsam: Sie alle bedeuten Kommunikation. Und die ist bekanntlich der Schlüssel zum Erfolg.