Kennst Du diese Situation, wenn Dir jemand aus dem Nichts über den Mund fährt und Du einfach nicht weißt, was Du antworten sollst? Und willst Du wissen, wie Du es schaffst, nie wieder sprachlos zu sein?

Nein, sorry, diesen Weg kann und will ich nicht einschlagen. Falls Du Dich fragst, was ich damit meine, lies Dir gerne meinen letzten Blogbeitrag durch (https://sprachmagie.com/100-authent-ich/). Falls Du Dir auch so vorstellen kannst, worauf ich hinauswill, klick trotzdem gern rein, es lohnt sich. 😉

Aber ich will gar nicht lange drumherum reden. Wie Du Dir dank der ersten Zeilen sowie des unfassbar kreativ gewählten Beitrag-Titels sicher schon denken kannst, möchte ich mit Dir das Thema Schlagfertigkeit erörtern.

 

Was bedeutet „Schlagfertigkeit“ überhaupt?

Laut Duden, eine zumeist sichere Quelle für Wortbedeutungen, bezeichnet das Wort Schlagfertigkeit die Fähigkeit, schnell und mit passenden, treffenden, witzigen Worten auf etwas zu reagieren.

Freunde des geflügelten Wortes, wir brauchen es nicht wegzureden: Jeder von uns befand sich schon einmal in der Situation, überrumpelt worden zu sein oder keck von der Seite einen provokanten Kommentar geerntet zu haben. Wahlweise laut vor versammelter Mannschaft oder (mir besonders lieb) grade so laut, dass Du es hören kannst, aber eben noch leise genug, dass der Absender alles abstreiten könnte, sollte es zu einer Konfrontation kommen. Hach, Kommunikation ist was Feines.

Jetzt wäre es einfach, mit drei bis zwölf Techniken um die Ecke zu kommen und Dich in die Geheimnisse der Schlagfertigkeit einzuweihen. Da ich selbst aber ungern Dinge einfach so hinnehme und gerne das Warum hinter meinem Tun kenne (und ich es ja nun einmal bin, die diesen Beitrag verfasst) kommst auch Du (glücklicherweise) nicht um die Beantwortung der Frage herum: Aus welchem Grund „müssen“ wir überhaupt schlagfertig sein?

 

In einer perfekten Welt …

… Spräche jeder offen und ehrlich über seine Gefühle, formulierte Ich-Botschaften und übernähme Verantwortung für das Gesagte. Der Schlagfertigkeit bedienten wir uns nur aus humoristischen Gründen und stets in Verbindung mit einem spitzbübischen Lächeln, mehr von Unschuld als von Häme getragen.

Im Hier und Jetzt sieht das leider nicht immer ganz so aus.
Ohne es in Gänze aussprechen zu wollen, verpacken Menschen Wut und Ängste wiederholt in (fast beiläufig klingende) Anmerkungen. Mal mehr, mal weniger süffisant. Häufig dient dies vor allem dazu, von sich selbst abzulenken, also den sprichwörtlichen Kelch weiterzureichen. Ziel ist es dabei zumeist, jemand anderen in die Position zu bringen, sich rechtfertigen zu müssen und ihn damit in den Fokus zu rücken.

In welchen Situationen siehst Du Dich rückblickend, vielleicht sogar brandaktuell, in der (Not-)Lage, ad hoc auf gewitzte Weise antworten zu müssen?

 

Die Ausgangssituation

Als olympiareife Gegen-die-Zeit-Läuferin entere ich gerne mal unfreiwillig aufsehenerregend Büro- oder Seminarräume. Mir über meine Eigenverantwortung bewusst, verkneife ich mir an den Haaren herbeigezogene Ausreden. Trotzdem gehen Fragen wie „Na, hat der Wecker wieder nicht geklingelt?“ oder „Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ selbstverständlich auch an mir nicht vorbei.

Früher hätte mein Gesicht an dieser Stelle wohl die Farbe einer Tomate angenommen und ich hätte mich gesenkten Hauptes zu einem leeren Platz durchgemogelt. Im Bauch ein ungutes Gefühl wegen meines wohlwissentlichen Zuspätkommens und auf den Schultern die schwerwiegende Scham über die Bloßstellung vor allen anderen.

Versteh mich bitte nicht falsch: Zuspätkommen ist nichts, was ich glorifizieren möchte. Mir ist bewusst, dass Menschen Dinge wie mangelnde Wertschätzung, Respektlosigkeit oder Aufmerksamkeits-Hascherei damit verbinden. Alles Punkte, die keinerlei Platz in der Wahrnehmung meiner Zeitlinie finden.

Komme ich zu spät? Ja. Ist mir das Anliegen deshalb weniger wichtig? Auf keinen Fall. Möchte ich daher möglichst störungsfrei zu den anderen stoßen? Na klar! Bringen Dozent*innen ihre Wut trotzdem durch spitzes Nachfragen zum Ausdruck? Zu 98%.
Kann ich das verstehen? Manchmal.

Noch einmal: In einer perfekten Welt würden wir wohl aufeinander zugehen und es fielen Sätze wie „Es trifft mich, wenn Du zu spät kommst. Dadurch habe ich das Gefühl, meine Arbeit wird nicht gewertschätzt.“ Entgegnet von „Danke, dass Du mir das sagst. Ich schätze Deine Arbeit sehr und war mir nicht bewusst, welche Auswirkungen mein Zuspätkommen mit sich bringt.“ Na gut, in einer perfekten Welt würde ich wohl auch nicht zu spät kommen, aber dazu ein anderes Mal mehr.

 

Wortbilder aufgreifen

Wieder im Heute, samt (beidseitig) emotionsgeladener Kommunikation, wappne ich mich also mit Schlagfertigkeit für den verbalen Gegenangriff. Pünktlich zwei Minuten nach Schließen der Hörsaaltür kommt mein großer Auftritt. Kamera läuft, Spot an, Klappe die erste!
Skriptgetreu ertönt mit meinen ersten Schritten in den Raum bereits die Frage „Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ Und das ist mein Stichwort. Im wahrsten Sinne des Wortes: „Klar, ich hab‘ mich heut früh schließlich nicht umsonst in Schale geworfen!“ Mic Drop.

Im schlechtesten Fall herrscht jetzt Ruhe. Im besten müssen alle Beteiligten über die Situation schmunzeln. Beachte bitte, dass es nie darum gehen sollte, jemanden mit Worten zu verletzen. In diesem Beispiel habe ich die Aussage über den großen Auftritt lediglich wörtlich genommen. Das einfachste Stilmittel schlagfertig zu antworten, besteht darin, Wortbilder aufzugreifen, und sie Dir zunutze zu machen.

 

Lieber-Als-Technik

Wir spulen noch einmal zurück. Klappe die zweite!
„Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ – „Lieber den großen Auftritt als eine verpasste Unterrichtseinheit.“

Mit der sogenannten „Lieber-Als-Technik“ bringst Du Deine Zuhörer*innen erst einmal zum Nachdenken. Je nachdem wie Du sie formulierst, kannst Du Wichtigkeit in Aussagen legen. In diesem Beispiel nehme ich den Kommentar zwar nicht schweigend hin, unterstreiche gleichzeitig aber auf charmante Art und Weise, dass mir die Teilnahme etwas bedeutet.

 

Chunking

Und da bekanntlich aller guten Dinge drei sind: Klappe … Ach, Du weißt schon.
„Brauchen wir mal wieder den großen Auftritt?“ – „Viel wichtiger als mein Auftritt ist doch, dass die Veranstaltung hier heute gut über die Bühne geht.“

In keinem zeitgemäßen Blogartikel sollte es an neudeutschen Begriffen mangeln, daher möchte ich Dir an diesem Beispiel das sogenannte Chunking näherbringen. Hierbei geht es darum, Dinge ins Verhältnis zu setzen. Ich nehme den Fokus von meinem einzelnen kleinen Auftritt und setze ihn ins Verhältnis zum gesamten Seminartag. Diese Technik funktioniert in sämtliche Richtungen. Blas das Thema auf (Up-Chunking), zerlege es in kleinste Einzelteile (Down-Chunking) oder orientiere Dich an inhaltlichen Parallelen (Lateral Chunking).

 

 

Du siehst, so wie es dutzende Variationen von kommunikativen Giftpfeilen gibt, so existieren erfreulicherweise auch mindestens genauso viele rhetorische Antidote, um dem nach Rechtfertigung strebendem Pfeil die Flugkraft zu nehmen oder sogar den Schützen zu entwaffnen.

Überleg Dir, was Du mit Deiner Antwort erreichen möchtest und tatsächlich auch, entgegen aller Schlagfertigkeits-Ratgeber, ob Du überhaupt etwas entgegnen „musst“. Schlagfertigkeit ist vor allem eine Sache der Haltung. Ein selbstsicher gesprochenes „Ja“ kann deutlich wirkungsvoller sein als mit gebrochener Stimme formulierte Satzwunder. Und ein klarer Blick sagt manchmal mehr aus als tausend Worte. Und „müssen“ müssen wir schon einmal gar nichts.